Die Radikalen und der BHE

z., Hannover, im August

Der Radikalismus hat in Deutschland eine schwere Zeit. Das „Wirtschaftswunder“, die Festigung des Staates und die Rückkehr zu Normalität und Vernunft haben die-Extremisten mit jeder Wahl weiter zerrieben. Kaum hie und da fristet noch ein verlorener Kommunist in den Landtagen sein Dasein, und von den vielen rechtsradikalen Parteien, die nach dem Kriege aus dem Boden sprossen, ist heute wohl nur die Deutsche Reichspartei in Niedersachsen übriggeblieben. Sie hatte das größte Reservoir, aus dem sie schöpfen konnte –: die Wählerschaft der verbotenen „Sozialistischen Reichspartei“ von Doris und Remer, die 1951 fast zwölf v. H. der Stimmen von Niedersachsen erreichte. Nur hier hatte sich wahrlich viel gesammelt –: all die Unzufriedenen, die alten Kämpfer der NSDAP, die nichts gelernt und wenig vergessen hatten, diffamierte Soldaten ohne Pension, Opfer der Besatzungswillkür und dazu noch ein breiter Kreis von einheimischen Bauern – die jüngeren Söhne vor allem, die zur kaiserlichen Zeit mit eigenem Pferd einzurücken pflegten und die im Dritten Reich zur Reiter-SA gingen. So waren der stärkste Rückhalt der Sozialistischen Reichspartei die ländlichen Kreise, von denen sie vier in direkter Wahl gewannen, und es hieß – in natürlich grober Verallgemeinerung –: auf die Reit- und Fahrvereine im niedersäsischen Lande könne die Partei sich verlassen.

All das waren Leute, denen ein starker Staat imponiert. Als das Verbot der SRP kam und als auch die Gerichte Zugriffen, da wandten sich viele zur Deutschen Partei und zur Union. Manches hatte sich ja auch inzwischen geändert. Die Pensionen werden wieder gezahlt, die Besatzung hat aufgehört, eine neue Streitmacht entsteht, und so ist die Unzufriedenheit zurückgegangen. Außerdem ist die Deutsche Reichspartei aus einem tief sitzenden Ressentiment gegenüber dem Bestehenden gegen die Aufrüstung – um so weniger war es verwunderlich, daß sie nur einen geringen Teil, ein Siebentel oder Achtel der früheren SRP-Wähler, an sich ziehen konnte. Nur eine kleine Schar noch nicht Belehrter oder nicht Belehrbarer ist geblieben, die sich daran erfreut, daß bei den führenden Leuten der DRP ein Ministerpräsident aus dem Dritten Reich, die oberste NS-Frauenschaftsführerin und ähnlich vergangene Größen zu finden sind. Was übrigbleibt, ist nicht viel mehr als ein „verlorener Haufe“, und wenn die Zeit der nächsten Wahl kommt – davon sind alle übrigen Parteien überzeugt –, werden es noch weniger sein. Auch in Niedersachsen, wo er sich am längsten hielt, trocknet der Radikalismus aus.

Im Landtag möchte sich die DRP mit dem Block der Heimatlosen und Entrechteten zu einer Fraktions- oder Zählgemeinschaft zusammentun. Die DRP hat es nötig, denn mit sechs Sitzen hat sie nicht einmal Fraktionsstärke, geschweige denn Stimme in irgendeinem Ausschuß. Gemeinsam dagegen würden BHE und DRP, wenn die Rechnung aufgeht, dreizehn Ausschußvertreter und sechs Hospitanten mehr erhalten, auf Kosten der übrigen Parteien. Es wäre ein Revirement, das viel neuen Zwist entfachen könnte. Aber kann der BHE sich eine solche Bundesgenossenschaft leisten? Er ist zwar bei der letzten Wahl ein Stück nach rechts gerückt, nur wenige der alten Abgeordneten kamen in den neuen Landtag zurück, aber es war doch nur eine Bewegung vom Bündnis mit der SPD in die bürgerliche Koalition. Oder hofft der BHE, die Wähler der DRP künftig für sich zu gewinnen? Vielleicht fühlt er sich dadurch gedeckt, daß selbst Hinrich Kopf, wie es heißt, hätte es ihm die Ministerpräsidentschaft gerettet, bereit gewesen sein soll, sich ebenfalls von der DRP unterstützen oder wenigstens tolerieren zu lassen.