s. u., Cuxhaven

Die Cuxhavener Stadtväter traten dieser Tage zu einer Sondersitzung zusammen. Viele Einwohner hatten, wie sie sagten, unter Erbrechen, Übelkeitszuständen und schlaflosen Nächten zu leiden, weil an den warmen Tagen von den Fischmehlfabriken und Krabbendarren her Wolken böser Gerüche über das Städtchen hinzogen.

Die Stadtväter beschlossen, mit Strafgeldern, Zwangshaft und, wenn nötig, mit vorübergehender Schließung gegen solche Betriebe vorzugehen, die nicht alles täten, um den Gerüchen auf den Leib zu rücken. Dazu gehört, daß sie nicht mehr Ölheringe lagern dürfen, als sofort verarbeitet werden können. Eben erst hatte auf Veranlassung des Ordnungsamtes die Cuxhavener Fabrik Lohmann und Co. 20 000 Zentner ölheringe im Werte von 160 000 D-Mark wieder ins Meer geschüttet, weil sie von der überlasteten Fischmehlindustrie nicht mehr verarbeitet werden konnten. Den Bremerhavenern war es Wochen vorher nicht anders ergangen. Auch dort hatte die Gesundheitspolizei veranlaßt, eine große Schute voll unverarbeiteter ölheringe ins Meer zu schütten. Weitere 15 000 Zentner sollen den gleichen Weg nehmen. Fischer und Fischmehlindustrie haben ein Abkommen geschlossen, das die Anlieferung der Heringe vernünftig begrenzt.

Überreichlich schwimmt der „silberne Segen des Meeres“ in diesem Jahr in der Nordsee, vor allem der sogenannte Ölhering. Er ist noch jung, hat einen Fettgehalt von 20 bis 22 Prozent, eignet sich nicht zum Einpökeln und auch nicht für die Fischkonservenindustrie. Im Gegensatz zu seinen feineren Brüdern, die der Konservendose würdig sind, wird ihm daher sein Öl abgepreßt, das sich in vielen Margarinesorten wiederfindet, und die traurigen Überreste werden zu Fischmehl verarbeitet, worüber sich die Schweinemäster freuen.

Das anhaltend gute Wetter in diesem Sommer brachte einen frühen Beginn der Fangsaison mit sich und dazu ein außergewöhnlich gutes Ergebnis. Die deutsche Fischdampferflotte löschte im Juli 23 000 Tonnen, das waren 8600 Tonnen mehr als im Vorjahre im gleichen Monat. Schon hiervon fanden 54 Prozent keine Käufer, so daß der größere Teil in den Fischmehlfabriken landete. Die aber sahen sich sehr bald außerstande, nun auch noch alle ölheringsfänge der Fischkutterflotte zu verarbeiten, die sich angesichts der gewinnverheißenden Heringsschwärme noch durch fast 200 Kutter aus der Ostsee vergrößert hatte.

Von vornherein nicht für den menschlichen Genuß bestimmt, werden diese Fischladungen kaum gesalzen und geeist. Das Ergebnis haben nun auch – zumindest in Cuxhaven – behördliche Nasen gerochen.