Von E. A. Greeven

Ob der rühmlichst bekannte Troglodyte, der sich – nach Schiller – scheu in des Gebirges Klüften barg, einen Pelzumhang trug oder einen Fetzen gewebten Stoffes um seine Lenden schlang, darüber sind sich die Gelehrten nicht einig. Wahrscheinlich tat er beides, so er hatte und konnte. Fest steht nur, daß der Mensch als einziges unter allen Lebewesen in einem Zustande auf die Welt kommt, der dem Klima unseres Planeten durchaus nicht überall angepaßt ist und nach dem Schutz wärmender Bekleidung schreit. Die Nackten kleiden, rangiert daher als höchst bedeutsame und unumgängliche Forderung gleich hinter dem Satz, der uns auffordert, die Hungrigen zu speisen. Wo zum ersten Male in einem Menschen der Gedanke Aufleuchtete, aus Fasern einen Faden zu drehen und viele dieser Fäden kreuzweise zu verbinden zu einem Gewebe, kündet uns keine Chronik; ob ein Mann oder eine Frau in dunkler Vorzeit die geniale Erfindung produziert hat, verrät keine Hieroglyphe.

Nicht wenige Menschen haben heutzutage eine sehr begreifliche Angst vor dickleibigen Folianten und bedürfen eines kategorischen Imperativs zum heroischen Hechtsprung in die Lektüre. Oftmals Mirko Szewczuk: Albert Schweitzer. Die drei Zeichnungen dieser Seite sind dem ro-ro-ro-Band „Stars und Sterne“ entnommen, der demnächst erscheint. Er enthält siebzig Karikaturen berühmter Zeitgenossen und gibt eindrucksvoll Zeugnis von der Kunst Szewczuks, menschliche Charaktere einzufangen und ihr Wesentliches mit ebensoviel Kraft wie Charme in zeichnerische Epigramme umzuwerten. Den Lesern ist diese Kunst vertraut.

verfluchen sie hinterher ihre geprellte Wißbegierde, zuweilen aber stellen sie mit freudigem Erstaunen fest, daß ihr Mut sich reichlich gelohnt hat. Den letzteren Fall erlebt der Leser mit dem inhaltsschweren Kompendium von

Anton Lübke: Weltmacht Textil. Eine Wirtschaftsbiographie des Kleides. Veria Verlag Dr. Walter Schmid, Stuttgart. 450 Seiten mit 52 Bildtafeln, 36,– DM,

das in gründlich erschöpfender, doch stets anregender Weise von den tierischen und pflanzlichen Rohstoffen bis zu den künstlichen Faserstoffen, vom weiten Reich der Textilfarben bis zu den subtilsten Spinnerei- und Webmaschinen, vom Nadelöhr bis zum letzten Knöpfchen alles behandelt, was in Zeiten des Prunks und der Ersatz-Mangelware die Dame Kleopatra und der Kesselflicker von Krotoschin auf ihrem mehr oder weniger schönen Corpus getragen haben. In di:sem Standardwerk findet jeder, was er sucht: der Wirtschaftler die aufschlußreichen Produktonstabellen und die Zahlen über Export und Import, der Fachchemiker die geheimnisvollen Nomenklaturen, die sich so pompös aneinanderreiher wie die Titel indischer Großmogule, und der Nutriazüchter erfährt, daß seine Zöglinge mit Vorliebe Wasserunkräuter fressen. Da Lübkes fleißige Arbeit bei aller Wissenschaftlichkeit für den Laien in einer durchaus lesbaren, angenehmen Sprache geschrieben ist, bekommt auch der Nichtfachmann ganz nebenbei eine Unmenge interessanter und gelegentlich amüsanter Einzelheiten aus der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte vorgesetzt, die ihm das Gesamtbild anschaulich und lebendig machen. Wer von uns wußte von der Lektüre, daß 50 g Hundehaar ein Paar Fausthandschuhe ergeben, daß Diana von Poitiers wahrscheinlich die erste war, die in Europa einen Sonnenschirm spazieren führte, und daß Richard Wagner zwischen Hörselberg und Walhall einen Regenschirm mit zwei Stöcken erfand, der leider beim Publikum weniger Enthusiasmus weckte als seine Musik? Und wer genau wissen möchte, wo 1860 die erste Bindekrawatte, der Schlips, entstand, oder was die einzelnen Buchstaben des Namen Nylon eigentlich besagen sollten, der schlage in Lübkes „Weltmacht Textil“ nach! Doch glaube niemand, daß der fröhliche Ruf Vive la bagatelle! hier mehr bedeute als ein winziges Schnörkelchen am Rande einer sehr ernsthiften, sehr fundierten und bewundernswerten“ Arbeitsleistung, die ein mustergültiges Handbuch für die Praxis geschaffen hat.

Letzten Endes kommt es auf das gleiche heraus, aber dennoch bleibt ein kleiner Unterschied bestehen, wenn der eine die Nackten kleidet und der andere eine niedliche chinesische Prinzessin in traumhaft schöne Seide hüllt. Das Geschäft des einen ist humaner, das des anderen vielleicht vergnüglicher. Ungefähr so unterscheidet sich von der „Weltmacht Tetxil“ das nicht minder umfangreiche Buch von