Wie steht es nun gegenwärtig um die geistige Lage der Autoren in der Sowjetzone? Seit den Junitagen 1953 sind bekantlich auch auf dem Gebiet des künstlerischen Schaffens die Zügel etwas gelockert worden. Zwar wird man nicht behaupten können, daß in diesen zwei Jahren Werke erschienen seien, die eine Annäherung an westdeutsche oder internationale literarische Auffassungen erkennen lassen. Aber es gab doch so etwas wie eine dosierte Liberalität bei einigen führenden Literaturkritikern, so daß Hoffnungen auf eine farbigere und lebendigere Literaturentwicklung in der Sowjetzone nicht unbegründet schienen. Spekulative Gemüter glaubten sogar an die Möglichkeit, daß jene Produktionen von Bertholt Brecht, die bisher nur in Westdeutschland gezeigt werden konnten, beispielsweise „Der gute Mann von Sezuan“, endlich auch die Bühnen der Ostzone erobern würden.

Mit dem allgemeinen Zustand der Literaturkritik in der Zone sind die Schriftsteller allerdings nicht zufrieden. Genau gesehen gibt es eine ernst zu nehmende Buchkritik nur bei der Monatszeitschrift des Schriftstellerverbandes, bei einer Berliner Tageszeitung und bei dem Wochenblatt des „Kulturbundes“. Die dort arbeitenden fähigen Kritiker verfügen über so wenig Raum, daß sie sich nur mit einem ganz geringe Teil der Neuerscheinungen befassen können. Bei allen übrigen Blättern, darunter großen Tageszeitungen, wird die Buchkritik völlig vernachlässigt. In der Zeitschrift „Der Schriftsteller“ konstatierte vor einiger Zeit der aus Westdeutschland nach Ostberlin übergesiedelte christliche Autor K. R. Döderlin ein „Zuücksinken der professionellen Kritik auf das Niveau einer herz- und blutleeren, prinzipienlosen, unparteilichen Buchbesprechung.“ Mangels eines richtungweisenden Maßstabes der Kritik werden besonders die jüngeren Schriftsteller unsicher.

Es scheint so, als ob der etwas freiere Kulturkurs der letzten zwei Jahre wieder einem strafferen Dirigieren Platz machen soll. Schon sah sich einer der am weitesten vorgeprellten Kritiker, Jürgen Rühle, genötigt, seine Tätigkeit im Berliner Ostsektor aufzugeben, weil er das Mißfallen höchster Kulturinstanzen erregt hatte. Ein sehr mächtiger und maßgebender Mann auf diesem Gebiet, der frühere ostzonale Volksbildungsminister und jetzige Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei, Wandel, hat kürzlich auf einer Zusammenkunft mit Schriftstellern und Künstlern ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, daß man auf dem Gebiet der Künste wieder einen etwas straffen Kurs zu steuern gedenkt. Weshalb das gerade zu einem Zeitpunkt erforderlich seir soll, da der sowjetische Ministerpräsident Bulganin eine „Angleichung“ der beiden Teile Deutschlands vorgeschlagen hat, bleibt unerfindlich. Wie soll denn überhaupt ein kulturelles Gespräch mit dem Westen zustande kommen, wenn Herr Wandel nun sagt: „Es wird beharrlich die Phrase vorgetragen, daß man nicht nur nach dem Osten, sondern auch nach dem Westen schauen solle ... Aber einige starren so sehr nach dem Westen, daß sie bald Genickstarre bekommen!“, und wenn er gesamtdeutsche Berührungen mir insoweit billigt, als sie politisch der Sowjetzone nützen? Sogar Kulturminister Becher bekam einen Verweis, weil sein Ministerium bisher zu wenig für die „sichere Orientierung“ der Schriftsteller und Künstler getan habe. pe. m.