d. a., Hamburg

An der Hauswand neben dem Speiseeisgeschäft der Alma Lukath, Reeperbahn 145, hängt seit einiger Zeit in bläulich-diskreter Schlichtheit ein Automat mit der Aufschrift „Neuheit“. Die Nachtbummler St. Paulis erwarten bei seinem Anblick irgendein Geheimnis, das den Freunden der nächtlichen Vergnügungen dieses Viertels ziemt, aber ach... unter einer Glasplatte an der Stirnwaid des Automaten hat Anna Austen aus Soltau, In den Hübeten 23 (anscheinend Nutznießerin diese: Einrichtung), ein Schreiben gehängt, das mit der anregenden Überschrift „Wollen Sie Geld verdienen?“ beginnt.

Man sieht Jünglinge und Männer nach der Lektüre der ersten Zeile einen Schritt näher treten. „Sie brauchen sich nicht für ein Butterbrot abzuplagen“, heißt es da, „und ewig andern gehorchen... Es ist keine leere Redensart, wenn man sagt, das Geld liegt auf der Straße, man braucht nur zu wissen, wie man es aufheben kann. Wir wollen aber heute unseren Kunden den Weg zeigen, wie mal das Geld aufhebt. Gegen Einwurf von 50 Pfennig erhalten Sie bei uns einige Geschäftsideen und Tips, mit welchen jeder Mensch, wenn er etwas Lust und Unternehmungsgeist besitzt, sich selbständig machen kann... Von jeder Idee und jedem Tip werden nur eine kleine Anzahl verkauft, damit sich kein Geschäft überläuft. Die Tips werden laufend ausgewechselt, und wenn dann unser Vorrat an Ideen erschöpft ist, kommt der Automat in eine andere Stadt... Sagen auch Sie sich: selbst ist der Mann, viel Gewinn durch wenig Einsatz...“

Man steckt also ein 50-Pfennig-Stück in den Schlitz und zieht am Hebel: heraus fällt ein kleiner Umschlag mit zwei Bogen Saugpostpapier. Auf dem ersten prangt die Überschrift „Nutriazucht!“ Und dann liest man: „Wenn Sie für Pelztiere etwas übrig haben, so empfehle ich Ihnen die Nutriazucht... Nutria ist auch nicht so empfindlich als Nerze oder Füchse ... Wenn Sie heute jemanden über Nutria stöhnen hören, so können Sie glauben, daß er etwas falsch macht... Bevor Sie aber anfangen, möchten wir raten, sehen Sie sich eine Nutriafarm an. Dann noch ein Lehrbuch und dann ran an den Mann... Nachdruck verboten.“ Der zweite Tip lautet: „Kartons werden ewig gebraucht. Nehmen Sie eine Handkarre und fahren Sie von Geschäft zu Geschäft. Kaufen Sie Kisten und Kartons. Viele Geschäftsleute freuen sich, wenn Sie den Krimskram abholen. Dann lassen Sie ab und zu eine Zeitungsannonce erscheinen. Kisten und Kartons vorrätig bei Firma sowieso.. reparieren Sie die beschädigten Kisten und Kartons ... Nur richtig kalkulieren, und der Verdienst ist Ihnen sicher. Nachdruck verboten!“

Wer weder für Pelztiere etwas übrig hatte noch sich zutraut, aus Feuerholz und Pappresten Kisten und Kartons herzustellen, steckt noch einen Fünfziger in den Automaten und erhält „Stadtkarten durch Automaten vertreiben“ und wieder – „Nutriazucht!“ Letztere war bereits bekannt und deshalb interessierte nur das Automatengeschäft. „Wenn heute ein Mensch in irgendeine fremde Stadt kommt, so fragt er meistens Passanten, wie er hier und dort hinkommt... Ist es Ihnen nicht auch schon mal so ergangen? Wenn es nun aber auf jedem Bahnhof einen Stadtkartenautomaten geben würde für 30 oder 40 Pf., wo alle wichtigen Behörden, Übernachtungen, Lokalitäten und sonstigen darauf vorhanden sind, würde das nicht zum Vorteil sein?“ Dann folgt der Vorschlag, sich 30 bis 40 Automaten zu kaufen und Stadtpläne zu vertreiben. Für Leute ohne Kapital wird die Anregung gegeben, Kurzromane selber zu schreiben und für 20 Pf. (jede Woche ein neuer) durch Automaten zu vertreiben. „Lassen Sie Ihre Phantasie einmal etwas spielen..., auch Tages- oder Wochenhoroskope lassen sich gut in Automaten vertreibend Nachdruck verboten.“

Beim dritten Fünfziger hörte man nur die Münze in einen Kasten mit gleichartigen fallen, aber es kam nichts. Die vierte halbe Mark brachte wieder die Anregung über den „An- und Verkauf von Kartonnagen und Kisten“. Der zweite Tip lautet: „Jeder Geschäftsmann macht gern Reklame, überhaupt wenn ihm das billig kommt. Haben Sie es schon einmal gesehen, daß an den Schaufenstern in schöner Schrift ein Werbespruch dransteht, wie zum Beispiel: ... Der Sauerkohl von Wollmuth schmeckt besonders gut! Werbesprüche malen, kann auch Geld bringen, wenn man etwas rührig ist. Sie können es auch ... Anfangskapital brauchen Sie praktisch gar nicht, denn etwas Kalkfarbe und ein Pinsel sind leicht zu kaufen...“ Für diejenigen aber, die nicht genügend Geld zur Anschaffung von 30 bis 40 Stadtkartenautomaten haben, aber doch immerhin ihr Gespartes ins Geschäft stecken wollen, folgt noch ein „Reklame“-Tip. „... Sie kaufen sich einen Bildwerfer... Schaffen Sie sich selber eine Leinwand an und stellen Sie diese an eine gute Laufende ... Machen Sie mit dieser Vorrichtung Reklame für Geschäfte... Wer nicht wagt, der gewinnt auch nicht. Nachdruck verboten.“

Das Haus Reeperbahn 145, an dessen Hauswand dieser Automat hängt, gehört der Freien und Hansestadt Hamburg, deren Grundstücksverwaltung von dem Vorhandensein des Ideenspenders keine Ahnung hat.