Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) hat gut daran getan, die Öffentlichkeit 21 ihrem zehnten Geburtstag nicht mehr als notwendig mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen Erfolgsberichten und Festreden zu strapazieren. In Düsseldorf fand am vergangenen Sonntag zwar die unvermeidliche Großkundgebung statt; im übrigen aber ließ man es dabei bewenden, die Auffassungen und Forderungen der DAG zu den politischen wirtschaftlichen und sozialen Fragen in einer sorgfältig durchgearbeiteten Denkschrift (Staat – Wirtschaft – Gewerkschaft, Forderungen der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft zur Wirtschafts- und Sozialpolitik) niederzulegen, die Gönnern und auch Nichtgönnern als Jubiläumsgabe überreicht wurde. So liegt nun also das „Sozialprogramm der DAG“, wie man diese Schrift abgekürzt wohl nennen könnte, recht repräsentativ und in überlegter Diktion über 82 großflächige Seiten gehend neben dem etwas bescheiden wirkenden „Aktionsprogramm des DGB“ vom Mai dieses Jahres. Diejenigen, die das besonders angeht, also Regierung und vor allem Unternehmer und Unternehmerverbände, werden es studieren müssen. Sie mögen sich ihrer Haut wehren.

Was uns angeht, so meinen wir, daß sich die Argumentation dieses Manifestes mehr als tunlich in den Bahnen des Zweiklassen-Schemas bewegt, das einst Marx seinen Überlegungen zugrunde legte. Den Angestellten wird hier zwar der Status einer (auch gegenüber den Arbeitern) „durchaus eigenständigen Schicht“ zuerkannt, „mit eigenen Bewußtseinsinhalten, Wert- und Umweltvorstellungen“. Aber ihren soziologischen Standort innerhalb der Gesellschaft will die DAG doch entscheidend dadurch bestimmt sehen, daß die Angestellten „zu der großen Klasse der abhängig Arbeitenden“ gehören, sie also, wenn wir das Sozialprogramm richtig interpretieren, zusammen mit den Arbeitern (und Beamten) in einer grundsätzlichen Gegenstellung zu den Unternehmern stehen.

Damit wir nicht mißverstanden werden: Wir wollen nicht die Tatsache bagatellisieren, daß die Angestellten Arbeitnehmer sind und deswegen zu ihren Arbeitgebern in einer gewissen Kollision der Interessen stehen, die zeitweise auch recht harte Formen annehmen kann. Aber der Mensch – und damit auch der Angestellte – ist nicht nur und auch nicht einmal primär ein homo oeconomicus, dessen Denken und Handeln allein oder in erster Linie, um mit Marx zu reden, von den „Produktionsverhältnissen“ diktiert wird, in denen er steht. Es gibt daneben andere, gleichrangige oder vielleicht sogar höherwertige „Bedürfnisse“, die außerökonomischer Art sind. Sie dürften auch für das Gesicht des Angestellten von heute noch so viel prägende Kraft besitzen, daß es sich verbietet, allein aus dem ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis dieser Kategorie von Arbeitnehmern notwendig entsprechende politische und wirtschaftspolitische Auffassungen konstruieren zu wollen.

Wo stehen die Angestellten? Wir meinen, daß sie sich, jedenfalls in ihrer Mehrzahl, nach wie vor der „mittleren Klasse“ zugehörig fühlen, wenn man schon mit dem sehr mißverständlichen Begriff „Klasse“ operieren will. Diese „mittlere“ Stellung zwischen „Kapital und Arbeit“ ergibt sich aus der ökonomischen Funktion der Angestellten, mehr aber noch aus dem ihnen eigenen Bildungsgang, der sie in die Lage versetzt, diese Funktion auszuüben. Und deswegen glauben wir, daß es viele Angestellte geben wird, die das jetzt vorgelegte Sozialprogramm der DAG nicht so ohne weiteres als das ihre unterschreiben werden. Nicht aus „mangelndem Klassenbewußtsein und fehlender Solidarität“, und auch nicht, weil sie „trotz aller schlechten Erfahrungen auch heute noch teilweise versuchen, einzeln zu retten, was zu retten ist“; sondern deswegen, weil solche massiven Forderungen, wie Sozialisierung der Grundstoffindustrien, weiterer Ausbau der Mitbestimmung in Richtung auf die wirtschaftliche Mitbestimmung, Bundeswirtschaftsrat (mit paritätischer Sitzverteilung nur zwischen Gewerkschaften und Unternehmerverbänden) und entsprechender Umbau der Industrie- und Handelskammern allzu problematische Dinge sind, als daß sie zu einem Herzensbedürfnis der Angestellten werden könnten.

Natürlich wird man über all dies reden können. Man wird sogar, und zwar recht bald, sich auseinandersetzen müssen über die anderen Forderungen der DAG, als da etwa sind: Vierzig-Stunden-(Fünf-Tage)-Woche, Anhebung der von den Arbeiterlöhnen hart ins Gedränge gebrachten Angestellten – gehälter, Verbreiterung der Eigentumsbasis (Miteigentum) und nicht zuletzt über das alte Problem der unzureichenden Altersversorgung der Angestellte. Das sind in der Tat sehr drängende Fragen. Aber wir meinen, daß für eine auch allgemeinwirtschaftlich befriedigende Lösung aller dieser Probleme die Rassenideologie Marxscher Prägung keine fruchtbare und erfolgversprechende Ausgangsbasis ist.

Der aufmerksame Leser dieses Programms kann nicht verkennen, daß es in einem spürbar maßvoll gehaltenen Ton geschrieben ist. Die Unternehmer sollten also nicht nur auf das Was, sondern ebenso auch auf das Wie dieses Buketts von Wünschen und Forderungen achten. Hier werden, wie man so sagt, keine Türen zugeschlagen – aber leider auch nicht aufgestoßen.

Wenn man diese Feststellung schon mit Bedauern bei dem Mai-Programm der Industriegewerkschaften machen mußte, so noch mehr in diesem Falle, wo eine Angestelltenorganisation das Wort ergreift. Es entzieht sich unserer Kenntnis, welche Erfahrungen in der Vergangenheit die DAG zu der Bemerkung veranlaßt, daß man in den Jahren nach 1945 in der Realisierung der von den Unternehmern propagierten „Partnerschaft“ über „ein Spiel mit Worten nicht hinausgekommen ist“. Mag sein, daß man mit den „Gesprächen am runden Tisch“ immer noch nicht so recht vorankommt. Aber man sollte sich doch wohl nicht der eitlen Hoffnung hingeben, daß die Folgen einer jahrhundertelangen sozialen Fehlentwicklung von heute auf morgen zu reparieren oder gar aus der Welt zu schaffen sind.