In der vordersten Reihe der Verhandlungspartner Adenauers und von Brentanos stehen Bulganin, Molotow und Chruschtschow. In der zweiten Reihe des Führerkollektivs, das den Alleinherrscher Stalin abgelöst hat und sich jetzt bemüht, auch den „Stalinismus“ durch zeitgemäßere Methoden zu ersetzen, stehen Männer wie Mikojan, Saburow, Perwuchin und Malenkow. Ihre Bedeutung geht schon daraus hervor, daß sie sämtlich sowohl dem Präsidium des Zentralkomitees der Partei (vergleichbar dem früheren Politbüro) als auch dem Präsidium des Ministerrats (dem inneren Kabinett“ der Sowjetunion) angehören. Auch wenn sie bei den Verhandlungen mit der deutschen Delegation nicht aus der Kulisse hervortreten, wird ihr Einfluß bedeutend sein. Nach Ansicht des Kreml-Kollektivs hat der Stalinismus Sowjetrußland in eine Sackgasse geführt, sowohl wirtschaftlich wie politisch, aus der es nun gilt, einen Ausweg zu suchen. Dieser Ausweg betrifft zunächst nur die Methoden, nicht die Ziele der Politik. Doch auch schon die Erforschung der Methoden ist eine Reise nach Moskau wert. Die vier Hauptdarsteller im Gespräch mit Adenauer beschreibt Walter Henkels auf Grund persönlicher Eindrücke wie folgt:

Bulganin

Für einen Gedanken das sinnlich bezeichnende zu finden, ist schwer. Dieser Bulganin, heller, gutsitzender, einreihiger Sommeranzug, schneeweißes, volles Haupthaar, fesches Schnurr- und Knebelbärtchen, scheint ein Mann voll fröhlicher Schaulust und Wesensart und heiterer Weltansicht zu sein. Stockt nicht bereits die Feder, wenn man das niederschreibt? Der Kopf mit dem schwellenden, gutgepolsterten Gesicht und den sprechenden Augen ist wie für ein Altherrenporträt geschaffen, Ende neunzehntes Jahrhundert. Er scheint natürliche Mittel zu haben, seine Person geltend zu machen, hat ein angenehmes sonores Organ und ist, vom Schein her, der Typ des Großvaters von der guten Sorte und des Kavaliers der alten Schule. Er scheint ein Gourmand und Gourmet in einem zu sein, und auch ein Schuß Lebemann steht ihm ganz gut. Auch in einer bürgerlichen Gesellschaft würde er es zweifellos zu Ansehen und Einfluß gebracht haben. Kann man sagen, daß seine Persönlichkeit einen gewissen Zauber ausströmt? In einen Frack paßte er glänzend, in einen Monteuranzug nicht. Es überrascht, daß er vor den Mikrophonen eine leichte Befangenheit nicht verbergen kann. Der Gedanke kam sofort: Das ist ein Mann, der Adenauer, wenn er nach Moskau reist, „liegen“ wird.

Bulganin gilt nicht als ein Mann schneller oder gar gewagter Entschlüsse, und solche sind ihm auch nie zugemutet worden, da er keine „Führernatur“ ist und auch keine sein will. Am 11. Mai 1955 hat Bulganin seinen 60. Geburtstag gefeiert.

Molotow

Molotow ist der einzige unter den Moskauer Größen, der nahezu ein Vierteljahrhundert auf dem internationalen Parkett gewirkt hat und wohl als bester von allen den internationalen Konversationston beherrscht. Aber der nachhaltigste Eindruck ist der: Molotow ist ein vergrämter Mann. Deutet der etwas gelbliche Ton des Gesichts auf eine Leberkrankheit? Er steht steif, und seine Bewegungen sind stereotyp. Man sieht ihn nie die Hände reiben, nie mit dem Schnupftuch oder dem Kneifer spielen, nie die Krawatte zurechtrücken und nie lachen. Vom äußeren Eindruck ist er kein glänzender Mann, aber er scheint einer der klügsten zu sein. An seinem Bilde fehlt ein Zug: Robustheit. Er scheint zwar, trotz des gelblichen Tones der Gesichtshaut, noch ein rüstiger Mann zu sein, aber er hat wohl die Segel gestrichen. Wenn es im Sowjetkollektiv in Moskau Diadochenkämpfe um Stalins Nachfolge geben sollte, dann scheint er resigniert seine Pflöcke zurückgesteckt zu haben. Er wird nie das belebende Element einer Gesellschaft sein, sowohl er offensichtlich ein Mann von einiger geistiger Bedeutung ist. Es stehen ihm keine natürlichen Mittel zu Gebote, sich in der Sowjethierarchie nachhaltig geltend zu machen. Er scheint ein schwerblütiger, wenn nicht sogar schwermütiger Skeptiker zu sein. Nur selten lächelt er. Und wenn er mitlächeln muß, weil es verlangt wird, so geschieht es nur widerwillig. Die Natur hat ihn nicht mit Freundlichkeit ausgestattet. Die Grundzüge seines Wesens scheinen Skepsis und die Verbissenheit zu sein.

Molotow ist ein Mensch, der keinen Beifall, also auch kein Publikum braucht. Er ist ein ausgezeichneter, fast besessener Schachspieler und gilt bei Menschen, die ihn kennen, als „kalter Hasardeur“. Die einzige geistige Autorität, die er jemals anerkannt haben soll, war Lenin. Molotow ist heute 65 Jahre alt.