Kürzlich hat die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung die „Ergebnisse der Berufsberatungsstatistik“ für das Berichtsjahr 1953/1954 veröffentlicht. Weil in Bayern und Rheinland-Pfalz die Schulabgänger erst im Juli entlassen werden, können die Berichte der Berufsberatung nicht früher erscheinen. Das ist insofern bedauerlich, als die nötigen berufs- und beschäftigungspolitischen Maßnahmen der Wirtschaft nicht zuletzt beachten müssen, in welche Berufe der kostbare Nachwuchs an Fach- und Spezialarbeitern einmündet. Während bis in die neueste Zeit – selbstverständlich mit regionalen und beruflichen Abweichungen – die Berufsausbildung der männlichen Jugend den Vorrang genoß und leider trotz vieler Mahnungen die berufliche Erziehung der Mädchen viel zu gering blieb, lenkt nunmehr der schon chronisch werdende Mangel an Arbeitskräften aller Art das Augenmerk auf die Arbeitskraftreserve Frau.

Dabei ist es üblich geworden, etwas nonchalant zu sagen: wenn die Männer knapp werden, dann gibt es genügend Frauen, die ihre Arbeitsposten besetzen können. Mit dem Hinweis auf den Überschuß an weiblicher Bevölkerung, die gegenüber 1939 um 6.3 Millionen zugenommen hat (und ein absolutes Mehr von rd. 3 Millionen Frauen ergibt), läßt sich zwar errechnen, wie inhaltsreich das weibliche Arbeitskraftreservoir sein muß – aber mit statistischen Berechnungen sind die Arbeitsmarktprobleme noch nicht gelöst. Auch die Tatsache, daß die Zahl der (als Arbeitnehmer) beschäftigten Frauen prozentual stärker als diejenige der Manner zugenommen und den Vorkriegsstand bereits überschritten hat, darf nicht zu der Annahme verführen, daß der Gesamtüberschuß der weiblichen Bevölkerung restlos für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe, Wenn es jetzt noch gelingt, bisher nichtbeschäftigte Frauen an einen Arbeitsplatz zu bringen und (in einigen Berufen) die nicht mehr erhältliche Arbeitskraft des Mannes durch die-Frau zu ersetzen, so bedeutet das keineswegs ein organisches Ausnutzen der weiblichen Arbeitskraftreserve, sondern ähnelt sehr einem unsystematischen Raubbau.

In solchen Situationen ist es dringend nötig, sich In kürzester Zeit einen Einblick in die Entwicklung zu verschaffen. Er bietet sich durch die Beschäftigtenstatistik dar. Leider schränkt die Arbeitsverwaltung gerade zu einer Zeit, in der ihre stalistischen Erhebungen wichtige Dispositionsunterlagen für die Beschäftigungspolitik der Betriebe bilden, die viertel jährlichen Auszählungen der Arbeitnehmer ein, läßt die Juni-Erhebung ausfallen und wartet erst im Herbst mit den September-Resultaten auf. Bei aller Vorsicht, die wegen der Vielzahl der Fehlerquellen in den Zählunterlagen angebracht ist, bleibt die Statistik über die beschäftigten Arbeitnehmer dennoch ein unentbehrlicher Gradmesser für Fragen des Arbeitsmarkts. So behilft sich z. B. die Bank deutscher Länder in ihrem Juli-Bericht mit einer vorsichtig geschätzten Zahl von 17,5 Millionen Beschäftigter zur Jahresmitte 1955. Diese Zahl wird, weil die Bundesanstalt die dringend erwarteten Erhebungen unterläßt, nunmehr für beschäftigungspolitische Betrachtungen verwendet werden. Aber die BdL dürfte den tatsächlichen Beschäftigungsgrad zu gering schätzen. Sie geht von den 16,5 Millionen Arbeitnehmern Ende Juni 1954 aus, errechnet einen Zuwachs von rd. 360 000 wiederbeschäftigter Arbeitsloser – das ist die Verminderung der Arbeitslosigkeit von Mitte 1954 auf Mitte 1955 – und berücksichtigt ferner den Eintritt von ungefähr 650 000 Schulentlassener in das Berufsleben. Richtiger ist es, von der letzten Erhebung Ende März 1955 mit 16,4 Millionen Arbeitnehmern und der Arbeitslosigkeit zum gleichen Zeitpunkt auszugehen. Da ergibt sich ein Rückgang der Arbeitslosigkeit von rd. 750 000 bis Ende Juni. Etwa die gleich hohe Zahl an Schulabgängern, Flüchtlingen und bisher nicht berufstätiger Frauen kommt hinzu, so daß der Beschäftigtenstand etwa 18 Millionen betragen dürfte.

Die Abschweifung in die Gefilde der Beschäftigungsstatistik soll darlegen, wie unentbehrlich die Zahlen für die Beurteilung des Arbeitskraftreservoirs Frau sind. Wenn die Zunahme der Frauenbeschäftigung – was wohl anzunehmen ist – das bisherige Maß übertroffen hat, danr. müßten von den 18 Millionen Arbeitnehmern rd. 6 Millionen Frauen sein. Das heißt aber: die Frauenreserve ist schon stark ausgeschöpft und wird ohne besondere Vorkehrungen durch die Wirtschaft und den Staat wesentlich spärlicher fließen. Obwohl die Frau ihre berufliche Verwendbarkeit weit über die früheren typischen Frauenberufe ausgedehnt hat und jetzt imstande ist, manchen Arbeitsplatz eines Mannes voll auszufüllen, so wirken doch eine Anzahl einschränkender Faktoren mit. Zunächst scheiden eine Anzahl Berufe (Bergbau, eisenschaffende Industrie, Gießereien, Baugewerbe und dergl.) im allgemeinen für die Frauenbeschäftigung aus. In anderen Berufen fehlt die notwendige Vorbildung, und Verheiratung, Kindererziehung, häufigeres Fernbleiben von der Beschäftigungsstelle und frühzeitige Invalidität machen die Frau zu einer labilen Arbeitskraft, deren Beschäftigung eine Anpassung an Sonderheiten bedingt, die beim Manne in diesem Grade nicht vorliegen.

Vielleicht erweist es sich als eine Regel, des Arbeitsmarkts – sie ist in allen Industriestaaten zu beobachten –, daß bei hohem Beschäftigungsstand und damit verbundener Verknappung an Arbeitskräften die Frauen aus ihrer Reservestellung heraustreten und sich in stärkerem Maße als bei langdauernder Arbeitslosigkeit bereitfinden, die Tätigkeit von Arbeitnehmerinnen zu verrichten. In erster Linie sind es kinderlose Ehefrauen (oder solche, deren Kinder während der Arbeitszeit durch Verwandte betreut werden), die die Chance des Mitverdienens nutzen. Soweit jüngere Frauen die Arbeitsgelegenheiten ergreifen, können sie häufig auf berufliche Erfahrungen verweisen, die sie vor ihrer Verheiratung erworben haben. Das macht sie als Arbeitskräfte wertvoll. Ihr Arbeitsverdienst trägt zur Steigerung des Lebensstandards bei. Anders stellt sich das Arbeitsangebot von älteren ledigen, verwitweten und geschiedenen Frauen dar. Sie sind gezwungen, ihre Arbeitskraft zur Bestreitung des Lebensunterhaltes zu. verwenden. Man darf wohl annehmen, daß diese Frauen schon lange eine Erwerbstätigkeit anstreben, sich bei den Arbeitsämtern gemeldet haben und – manchmal auch nur in Saisonbeschäftigung – entsprechend ihrer beruflichen Verwendbarkeit vermittelt werden. Diese Reserve ist nicht mehr groß und auch nicht besonders begehrt, weil die berufliche Vorbildung fehlt und häusliche wie persönliche Verhältnisse berücksichtigt sein wollen. Da wird geraten: Halbtagsbeschäftigung zu bieten und sonstige Erleichterungen zu schaffen. Mancher Betrieb mag nach der Art seiner Produktion dazu in der Lage sein und ihm ist mit Arbeitsleistungen in „homöopathischen Dosen“ geholfen. Leider können nicht überall solche zum sozialen Bereich gehörende Rücksichten eingeräumt werden. Außerdem verlangt die Sozialpolitik mit Recht (vgl. Vier-Professorengutachten zur Neuordnung der sozialen Leistungen) eine Freistellung der Witwen mit erziehungsbedürftigen Kindern von regelmäßiger Erwerbsarbeit und Gewährung einer ausreichenden Versorgung. Zwar üben nicht alle der rd. 3. Millionen alleinstehenden Mütter eine Tätigkeit aus, aber mit der Berufsaufgabe zahlreicher Frauen ist zu rechnen, sobald für ausreichende Sicherung ihrer Existenz und die ihrer Kinder gesorgt wird. Auch beschäftigungspolitisch erscheinen solche Absichten gerechtfertigt, denn nur aus nicht verwahrlosten Kindern können künftig brauchbare Facharbeiter werden.

Der Ausschöpfung der Arbeitskraftreserve Frau stellen sich also eine Reihe von Imponderabilien entgegen. Globale Berechnungen sind zur Gewinnung des Überblicks nötig, doch ergeben sich regionale Sonderheiten. So gibt es noch manchen Bezirk, in dem wertvolle weibliche Arbeitskraft wegen der industriellen Standortverteilung brachliegt. Umsiedlung dürfte arbeitsmarktliche Entlastungen herbeiführen, jedoch scheidet die – in letzter Zeit bei Männern recht erfolgreiche – überbezirkliche Arbeitsvermittlung bei den meisten Frauen aus. Industrieverlagerungen und Ausweitung der Heimarbeit werden häufig vorgeschlagen, ohne zu beachten, daß viele Faktoren (und nicht allein die Arbeitskraftnöte) dafür ausschlaggebend sind.

Aber der Kreis der Überlegungen schließt sich. Wir haben eingangs die nicht ausreichende Berufsausbildung der Mädchen hervorgehoben. Es ist nicht immer ihre Schuld, denn nur sehr zögernd hat sich die Wirtschaft entschlossen, die Emanzipation der Frau für das Berufsleben, zumindest für die Heranbildung einer erfahrenen Arbeitskraftreserve, zu nutzen. Nach dem Bericht der Berufsberatung haben nur 30,5 v. H. der weiblichen Schulabgänger eine Lehr- oder Anlernstelle erhalten. Wenn man auf die Arbeitskraftreserve Frau – und das wird in Zukunft immer nötig sein – zurückgreifen muß, dann muß auch das Risiko getragen werden, daß bei einem Teil der Mädchen, nämlich denjenigen, die durch Verheiratung aus dem Beruf ausscheiden, die Berufsausbildung nutzlos erscheint. Ist aber „Not am Mann“, dann lohnen sich Mühe und Kosten, weil beruflich vorgebildete und berufserfahrene Frauen aus der „Reservestellung Ehe“ in die freien Arbeitsplätze einrücken können. W. Salzmann