IV. Radioaktive Strahlen und das menschliche Nervensystem – Vom Nutzen der Kernforschung

Von Karl Moersch

Die amerikanische Regierung veröffentlichte kürzlich fast tausend bisher geheimer und vertraulicher Berichte der staatlich überwachten Atomforschung. Es handelt sich dabei um Arbeiten aus den Gebieten der Geologie, der Chemie, der Metallurgie, der Mineralogie, der Instrumententechnik und der Reaktorforschung. Diese Veröffentlichungen werden vor allem für zahlreiche Zweige der Industrie von Bedeutung sein. Weiter steht die Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde, der vorerst acht führende Staaten der westlichen Welt angehören werden, unmittelbar bevor. Derartige internationale Körperschaften sind nötig, um langfristig planen zu können und um die personell und finanziell sehr kostspieligen Forschungen zu koordinieren. Wir stehen nicht vor einem „Anbruch“ des Atomzeitalters, sondern haben uns bereits mit seinen Folgen und Wirkungen auseinanderzusetzen. Genauso zwingend, wie unsere Vorfahren das Heraufkommen des Zeitalters der Dampfmaschine und der Elektrifizierung erlebten, überrascht uns das Atomzeitalter und bringt uns aus unserem gewohnten Rhythmus, Seine Wirkungen sind weitreichender als die irgendeiner anderen menschlichen Entdeckung. Unser Fortsetzungsbericht schildert heute die großen Möglichkeiten, die die Erschließung der Atomkraft für die Grundlagenforschung schafft.

Amerikanische Forscher versuchen gegenwärtig, eine Art ferngelenktes Geschoß zu entwickeln, um den Krebs auf radioaktivem Wegebekämpfen zu können. Neutronen sollen an Stelle der bisher üblichen Bestrahlung mit Röntgenstrahlen treten. In mehreren Laboratorien der Vereinigten Staaten werden seit dem Jahre 1951 Patienten versuchsweise mit Neutronen behandelt. Dabei wird dem Kranken eine borhaltige Lösung in die Blutbahn eingespritzt, denn Bor hat die merkwürdige Eigenschaft, von krankem Gewebe weit stärker absorbiert zu werden als von gesundem. Auf diese Weise sammelt es sich im Tumor an. Werden die Boratome mit Neutronen bestrahlt, so zerfallen sie in Lithium- und Heliumatome. Bei diesem Zerfallsprozeß – so nimmt man heute an – werden Krebszellen zerstört. Man muß allerdings hinzusagen, daß diese Methode noch in den Kinderschuhen steckt. Man hat in systematischen Tierversuchen versucht, festzustellen, welche Menge Bor dem Gehirn zugemutet werden kann. Die Physiker sind gerade damit beschäftigt, neue Meßmethoden zu entwickeln, um die Durchdringungskraft der einzelnen Strahlen in den verschiedenen Geweben zu bestimmen.

Die britische Energiekommission teilte in Genf mit, daß ein Londoner Krankenhaus ein radioaktives Abfallprodukt zur versuchsweisen Krebstherapie erhält. „Das Prinzip“, so heißt es in einer Erklärung, „einer derartigen Behandlung ist zwar nicht neu, denn viele Krankenhäuser sind mit Radium, radioaktivem Kobalt, Röntgengeräten und Elektrogeräten für diesen Zweck ausgestattet. Hier wird jedoch erstmals radioaktives Caesium verwendet.“ Es handelt sich dabei Um ein Caesiumsalz. Man bewahrt es in einem Metallzylinder von 2,5 Zentimeter Durchmesser und 7,5 Zentimeter Höhe auf. Aber seine Strahlungsintensität ist so groß, daß man diese handliche Hülse aus Sicherheitsgründen mit einem Blei- und Uranmantel von fast einer Tonne Gewicht umgeben muß.

Um den Nierenkrebs zu bekämpfen, versucht man, die Antikörper der Niere mit radioaktiven Substanzen zu versehen. Man geht davon aus, daß die menschlichen und tierischen Gewebe und Organe sogenannte chemische Antikörper enthalten, die die Aufgabe haben, die einzelnen Organe vor Krankheiten zu schützen. Man versucht nun, diese Antikörper zu isolieren, um sie als Träger radioaktiver Substanzen verwenden zu können. Denn das hätte den großen Vorteil, daß die Wirkung der Strahlung sehr genau auf das erkrankte Gebiet konzentriert werden könnte und daß die umliegenden Gewebe nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen werden.

Dr. Willard Libby von der amerikanischen Atomenergiekommission äußerte, die Hoffnung, es werde in absehbarer Zukunft auch dem Hausarzt möglich sein, radioaktive Isotope in Tablettenform einzugeben. Sie sollen als Spurelemente Aufschluß über die Organfunktionen des Patienten geben. Vorläufig fehlen für diese Behandlungsmethode jedoch noch einfache und billige Meßinstrumente. Solange derartige Geräte nicht entwickelt sind, ist es für den Arzt außerordentlich schwierig, die Isotope richtig zu dosieren.