Delegierte aus aller Welt, die am Sonntag in Konstanz eintrafen, tagen dort im gleichen Raum, in dem vor 540 Jahren die Kardinäle und Kirchenfürsten zur Papstwahl versammelt waren: in jenem Warenhaus gewerbefleißiger Bürger also, das seit den bedeutungsschweren Ereignissen des 15. Jahrhunderts als Konzilgebäude bekannt und zu einer Attraktion für den Touristenverkehr geworden ist. Uneingeweihten kommt die Tagung geheimnisvoll vor, da sie aus Anschlägen erfahren, daß Wapor und Esomar sich versammelt haben. Der Schleier des Geheimnisses beginnt sich jedoch zu lüften, wenn man erfährt, daß Wapor eine jener heutzutage allzu beliebten Abkürzungen ist und für „World association for public opinion research“ steht, während Esomar als „European Society for opinion surveys and market research“ verstanden werden will. Die Erforschung der „öffentlichen Meinung“ also ist Aufgabe dieser Organisationen, die jetzt ihre Delegierten zum internationalen Jahreskongreß entsandt haben.

Mit der Meinungsforschung ist es ähnlich wie mit dem Fernsehen: Die einen sind begeistert davon, andere sind skeptisch oder gleichgültig, und manche sind „dagegen“. Doch auch die Gegner werden am Weiterbestehen der Meinungsforschung (und des Fernsehens) nichts ändern. Und da die Alternative am Ende gewiß nicht Meinungsforschung oder keine Meinungsforschung heißen wird, sondern gute Meinungsforschung oder schlechte Meinungsforschung, ist es sicher einiger Mühe wert, dafür zu sorgen, daß dieses zwar nicht mehr neue, aber noch nicht ausreichend in der Praxis erprobte Instrument nicht von Stümpern, sondern von verantwortungsbewußten Könnern gehandhabt wird.

Ob dieses Ziel freilich am besten dadurch erreicht wird, daß man aus der „Demoskopie“ eine Universitäts-Disziplin macht, darüber werden die Ansichten noch lange auseinandergehen. Man wird sagen dürfen, daß die Zahl der akademischen Disziplinen ohnehin erschreckend gestiegen ist, und nicht zum Vorteil jener „Bildung“ des Menschen im Sinne Humboldts, auf die es den großen Gründern und Reformatoren unserer Hochschulen ankam. Andererseits muß ein Weg gefunden werden, auf dem den Instituten für Meinungsforschung qualifizierter Nachwuchs zugeführt werden kann.

Für den Gedanken eines eigenen Hochschulfaches sprach sich Vizekanzler Dr. Blücher aus, als er am Montag im großen Konzilsaal, der bis auf den letzten Platz gefüllt war, den Meinungsforscher-Kongreß eröffnete. Weniger Widerspruch wird Blüchers Aufforderung an die Politiker finden, von den neuen Möglichkeiten, die ihnen durch die-Meinungsforschung an die Hand gegeben sind, Gebrauch zu machen. Sicher bietet sich hier eine weitere Möglichkeit für den Parlamentarier, Kontakt mit seinen Wählern zu halten.

Der internationale Charakter des Kongresses wurde nach der Begrüßungsansprache auch akustisch deutlich. Vorher schon waren den aufmerksamen Beobachter Namensschilder am Rockaufschlag der Herren aufgefallen, die mit farbigen Knöpfen über die linguistischen Eigentümlichkeiten des Trägers Auskunft geben. Das polyglotte Maximum ist durch die Kombination Blau-Weiß-Rot gekennzeichnet (eine politische Absicht soll bei dieser Farbzusammenstellung nicht vorgelegen haben), die dem Kundigen verrät: der Mann spricht Deutsch, Englisch und Französisch.

Nur auf Englisch oder Französisch werden die Referate gehalten. Sie klingen dadurch auch besonders eindrucksvoll und verbreiten andächtiges Lauschen rings im Räume, denn jeder Ausdruck desinteressierter Langeweile könnte ja als mangelnde Sprachbegabung mißverstanden werden.

Eine echte philologische Schwierigkeit liegt darin, daß die Fachsprache der Meinungsforschung im angelsächsischen Sprachgebiet entwickelt wurde. Für viele Begriffe fehlen allgemein akzeptierte deutsche Ausdrücke. Das zeigte sich gleich beim ersten großen Diskussionsthema, wo es um die Consistency von Meinungen ging, um die, Frage also, inwieweit man erwarten darf, daß menschliches Denken und Handeln frei von inneren Widersprüchen ist; In einem besonders anregenden Referat bekannte sich die Leiterin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, Dr. Nölle-Neumann, zum Widerspruch als Element des Lebens, während Dr. Gallup, der „Vater der Meinungsforschung“, eine Beseitigung innerer Widersprüche doch für recht erstrebenswert hielt. Vielleicht drückt sich darin eine grundsätzliche Einstellung aus, die auch das Echo, das die Meinungsforschung in der Öffentlichkeit findet, mitbestimmt: daß der Widerspruch hier in der alten Welt um seiner selbst willen geschätzt wird, denn – „nur Esel sind konsequent“. Rudolf Walter Leonhardt