Es hat zu allen Zeiten Kriege gegeben und auch Frieden. Zum erstenmal scheint es, als ob in unserer Epoche diese Ur-Phänomene vielleicht aufgehoben würden. Ob im Zeitalter der Atomwaffen große Kriege tatsächlich nicht mehr stattfinden, ist einstweilen der Spekulation überlassen. Mit größerer Gewißheit hingegen kann man bereits feststellen, daß es Friedensschlüsse offenbar nicht mehr gibt. In Korea, Indochina und Palästina hat man nur notdürftigen Waffenstillstand geschlossen – ganz zu schweigen von Deutschland, das nach zehn Jahren noch keinen Friedensvertrag hat.

Die Hoffnung der Realpolitiker, daß das fait accompli des Waffenstillstandes aus sich heraus und ohne weiteres Zutun den Frieden gebären werde, hat sich in den wenigsten Fällen – am allerwenigsten in Palästina – bewahrheitet. Seit jenem Waffenstillstand im Dezember 1949 gibt es jedes Jahr, jeden Monat Tote auf beiden Seiten. Jede Woche seit sieben Jahren tagt die Waffenstillstandskommission, ohne je einwandfrei feststellen zu können, welche Seite Schuld an den Überfällen hat. Die Araber sprechen von dem Tag, an dem sie die Juden ins Mer treiben werden. Die Juden aber müssen immer neue Einwanderer zulassen (gerade eben wieder aus Marokko), worin die Araber eine planmäßige Politik der „Dampfkessel-Theorie“ zu erblicken meinen. In Israel lebt man mit der Waffe in der Hand. Alle Jugendlichen werden ausgebildet, die Frauen gedrillt, die Armee ist der Schmelztiegel der Nation. Auch in den arabischen Ländern spielt der Aufbau der Wehrmacht eine entscheidende Rolle, weil sie dort das Gerüst für das neu entstehende Staatsgefühl ist. Überdies: Wer immer sich unter den anderen arabischen Staaten eine Führerstellung sichern will, muß in der Propaganda gegen Israel am lautesten sein. Es ist eine lebensgefährliche Situation.

Israel hat ein Interesse daran, endlich zu einem Frieden, also zu einer Bestätigung, eventuell auch zur Korrektur seiner Grenzen zu kommen. Möglich, daß in dieser Situation der kürzeste Weg zum Frieden über neue kriegerische Verwicklungen führt, die dann neue Konferenzen auslösen und neue Versuche zu einer endgültigen Regelung. Der Waffenstillstand in Permanenz ist keine Lösung, nicht einmal eine Verlegenheitslösung. Er ist eine Brutstätte für irreale Wünsche und dumpfe Rachegefühle und bietet eine ständige Versuchung zur Einmischung. Viele Interessenten sind involviert im Gebiet des Nahen Ostens, und viele Suppen werden dort gekocht, wenn irgendwo Feuer brennt. D.