Bei uns zu Hause in Coracchio erschien eines Tages ein Fremder. Es dauerte nur eine oder zwei Stunden, bis es sich im ganzen Ort herumgesprochen hatte, daß in der Osteria ein alter, vornehmer Herr aus Deutschland saß und jeden, der gerade vorbeikam, nach einer Frau Anna Negare und ihrer Familie fragte. Sofort trieb die Neugier viele Leute hin. Wer nur irgendeinen Vorwand erfinden konnte, in die Osteria zu gehen, der tat es, um den Fremden zu sehen. Manche ließen sich zwei- oder gar dreimal von ihm befragen, denn er hatte ein schlechtes Personengedächtnis und ebenso schlechte Augen. Man konnte ihm gut mehrmals die Freude bereiten, er erkannte einen nicht wieder. Auf der Straße begrüßte man sich zu jener Zeit mit den Worten: „Hast du dich schon nach Anna Negare befragen lassen?“ Bald bedurfte es keines Vorwandes mehr, um in die Osteria zu gehen, denn am zweiten Tag ließ der Bürgermeister ausrufen, daß sich jedermann an den Nachforschungen nach dem Verbleib der Familie Negare beteiligen solle. Wenn die ganze Angelegenheit anfangs nur eine originelle Abwechslung in unseren eintönigen Tagesablauf gebracht und willkommenen Stoff für unterhaltsame Gespräche abgegeben hatte, so wurde sie allmählich zu einem Anliegen der ganzen Gemeinde. Abends war ständig eine Gruppe von Männern bei. dem Fremden in der Osteria versammelt, und jedesmal spielte sich ungefähr das gleiche ab. Am vierten oder fünften Abend saß auch ich an seinem Tisch.

„Er ist noch immer voller Hoffnung“, raunte mir mein Nachbar zu. – „Er glaubt es nicht, daß wir die Leute nie gesehen haben, er glaubt es einfach nicht...“ wisperte ein anderer.

Der Fremde hatte gerade eine neue Flasche angebrochen. Noch während des ersten Schluckes öffnete er schon wieder den Mund, als könne er es nicht erwarten, weiterzuerzählen. Sein faltiger Hals straffte sich durch diese Bewegung für einen Augenblick, um sich sofort wieder zu runzeln wie ein Gummiband, das zu weit gedehnt wurde. Ich bemerkte, wie es hinter seinen dicken Brillengläsern unsicher flackerte. Die Nega’res, sagte er, seien vor vierzig oder mehr Jahren hier in Coracchio ansässig gewesen. Er erzählte uns Geschichten aus dem Leben Annas und beschrieb genau, wie sie ausgesehen hatte und was für Gewohnheiten ihr eigen waren. Bald kannten wir ihr ganzes Schicksal. Der Fremde beherrschte übrigens unsere Sprache gut und erzählte so spannend, daß es ein Genuß war, ihm zuzuhören. Allerdings konnte man sich, während er sprach, nicht behaglich mit dem Weinglas zurücklehnen, wie es der Fall war, wenn Großvater gemächlich aus seiner Jugendzeit erzählte. Denn der Fremde beabsichtigte ja nicht, uns zu unterhalten, sondern er blickte uns bei jedem Satz auf eine Weise an, als ob er etwas Dringendes von uns wolle, als ob er fragen wolle: „Erinnert ihr euch jetzt nicht endlich an die Anna Negare?“ – Doch obwohl er in seinen Erzählungen ein so ausgefallenes Geschehen vor uns hinbreitete, daß es zumindest den Ältesten unter uns kaum entfallen sein würde, wenn es sich wirklich in Coracchio zugetragen hätte, konnten wir ihm nicht mehr bieten als ein fast pausenloses Kopfschütteln. Anfangs behandelte er uns wie Schuljungen, die ihre Geschichtszahlen nicht gelernt haben. Schließlich aber wurde er niedergeschlagen. Er schwor, sich genau zu erinnern, denn er sei ja bei allem, was er uns erzählte, selbst dabei gewesen. Danach versiegte plötzlich sein Redestrom. Die Hände, mit denen er bis dahin heftig gestikuliert hatte, ruhten nun matt und schwer auf der Tischplatte zwischen Pfützen verschütteten Weines. Man konnte Mitleid mit ihm bekommen. Denn wir wußten von ihm, daß er alt und einsam geworden war, daß er zu Hause keine Freunde mehr besaß und daß er die in seinem Alter beschwerliche Reise nach Coracchio eigens unternommen hatte, um bei der Anna Negare seinen Lebensabend zu verbringen.

Am nächsten Tag ging der Fremde zum Pfarrer. Wir alle sahen diesen Weg als letzten Versuch an, doch noch etwas über den Verbleib der Anna zu erfahren. Der Bürgermeister hatte schon vorher die Gemeindebücher der letzten hundert Jahre studiert, ohne auf ihren Namen zu stoßen. Nun blieben nur noch die Kirchenbücher. Einige von uns warteten vor dem Pfarrhaus, um als erste das Ergebnis des Besuches zu hören. Aber es dauerte lange, bis etwas geschah. Nach etwa zwei Stunden hielt ein Auto vor der Tür. Zwei kräftige Männer und ein Herr in einem weißen Kittel stiegen aus und gingen in das Haus. Kurze Zeit später erschienen sie wieder. Sie hatten den Fremden in ihrer Mitte, verstauten ihn in das Auto und fuhren ab.

Wir blickten uns verständnislos an. Mitten in unsere Ratlosigkeit hinein trat der Pfarrer. Er ging uns voran zur Osteria und beglich dort die Rechnung des Fremden. Zu uns aber sagte er: „Geht nach Hause, Leute, es ist nichts.“

Später erfuhren wir vom Wirt der Osteria, was geschehen war. Der Pfarrer, über das Anliegen des Fremden natürlich schon unterrichtet, hatte ihn bei seinem Besuch gebeten, ihm zunächst einmal gültig zu beweisen, daß er in Coracchio wirklich an der richtigen Stelle war. „Es gibt bei uns so viele Dörfer mit ähnlichen Namen. Könnte nicht eine Verwechslung vorliegen?“ Da zog der Fremde ein abgegriffenes Buch aus der Tasche und legte es auf den Tisch. „Hier, bitte: lesen Sie selbst. Dieses Buch handelt von Coracchio.“ Der Pfarrer konnte etwas Deutsch. Er blätterte in dem Buch. Es war vor vielen Jahren in Deutschland erschienen, und in ihm waren alle die Geschichten verzeichnet, die uns der Fremde zuvor in der Osteria erzählt hatte.

„Aber bei diesem Buch handelt es sich doch um einen Roman, nicht wahr?“ sagte der Pfarrer. „Das ist doch alles frei erfunden, was darin steht!“ – „Ich habe dieses Buch selbst geschrieben“, antwortete der Fremde. Der Pfarrer schaute ihn zweifelnd an. „Sind Sie früher schon einmal hier gewesen?“ – „Nein, aber ich habe mich sehr eingehend und lange mit Coracchio beschäftigt, als ich dieses Buch schrieb, so daß mir nun, als ich herkam, alles ganz vertraut war. Glauben Sie. mir, ich kenne hier jeden Baum und jeden Stein. Aber die Menschen – verstehen Sie? – die Menschen müssen doch auch irgendwo sein! So helfen Sie mir doch!“