Von Ludwig Erhard

Wer so im Lande herumhört könnte manchmal fast der Meinung sein, als sei mit der Vollbeschäftigung, dem hohen Stand der Produktion und dem sich ausweitenden Verbrauch ein Unheil über uns gekommen und es müßten demzufolge alle Anstrengungen unternommen werden, um die volkswirtschaftliche Leistung wieder herabzudrücken. Der gesunde Menschenverstand wehrt sich gegen eine solche Betrachtung; es will ihm nicht eingehen, daß das, was jedem einzelnen Menschen zum Vorteil gereicht, gesamtvolkswirtschaftlich schädlich und gefährlich sein soll. Ich möchte deshalb versuchen, die vorliegenden Probleme ins rechte Licht zu rücken und die Dinge wieder auf das richtige Maß zu bringen.

Als erstes ist die Frage zu beantworten, ob diese Konjunktur bereits an sich gefahrdrohend sei und sozusagen aus ihrer immanenten Fortentwicklung Schaden erwachsen müßte, ob es also nicht das Verhalten der wirtschaftenden Menschen oder Gruppen ist, das zu einer Maßlosigkeit ausarten könnte, der dann mit politischen Mitteln nur noch schlecht zu begegnen wäre.

Tatsächlich bin ich der Meinung, daß eine echte Gefahr nur aus jenem falschen Verhalten droht; denn gerade, weil die wirtschaftlichen Entwicklungen und Konjunkturen sich nicht im luftleeren Raum abspielen und eine Volkswirtschaft auch nicht im Sinne eines Automatismus oder Mechanismus zu begreifen ist, wird es deutlich, daß wir es durch unser eigenes Handeln und Verhalten in der Hand haben, den wirtschaftlichen Ablauf der Ereignisse zu bestimmen. Wirtschafts-, finanz-, kredit- und währungspolitische Mittel sind in solchem Zusammenhange gewiß wichtig, um durch Veränderung der ökonomischen Taten und Chancen Einfluß auf die menschlichen Entscheidungen auszuüben. Aber da in dem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Prozeß von heute nicht nur Individuen, sondern Gruppen die Politik bestimmen, scheint es mir in erster Linie notwendig zu sein, Einsichten und Erkenntnisse zu vermitteln, guten Willen zu bezeugen und gesundem Menschenverstand und wirtschaftlicher Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen.

Nicht einen Augenblick denke ich etwa daran, einen Lohn- und Preisstop zu verfügen und die Einhaltung unter polizeiliche Aufsicht zu stellen. Solche Methoden sind noch zu jeder Zeit und in allen Ländern fehlgeschlagen. Der Verzicht auf dirigistische Maßnahmen aber schließt doch nicht das Bemühen aus, an besonders neuralgischen Stellen an Stelle des Drucks mit guten Argumenten zu arbeiten, um schließlich das gewollte Ergebnis eines stabilen Preisniveaus mit der Aussicht auf sogar partiell spürbare Preissenkungen zu erreichen.

Es kann mir auch nicht einfallen, in der Verfolgung einer solchen Politik lediglich die Gewerkschaften ansprechen zu wollen, um sie von Lohnforderungen schlechthin abzuhalten. Eine solche Betrachtungsweise wäre nicht realistisch und trüge schon den Keim des Scheiterns in sich. Zudem liegen die Verhältnisse nicht nur von Betrieb zu Betrieb, sondern vor allem auch von Branche zu Branche derart unterschiedlich, daß mit nur diesem einen Rezept zu arbeiten gar nicht möglich erscheint.

Wo der zwischenzeitlich erreichte Stand der Produktivität Lohnaufbesserungen zuläßt, wäre eine grundsätzliche Ablehnung solcher Wünsche nicht zu vertreten. Aber nicht minder falsch wäre es, jeden Produktivitätszuwachs ausschließlich und in vollem Umfange in Konsumkraft umzumünzen. Geradein einer Wirtschaft, die im Zeichen der Vollbeschäftigung steht, müßte eine so primitive Politik jeden weiteren ökonomischen und sozialen Fortschritt illusorisch machen. Wenn nicht mehr zusätzliche Menschen in den Arbeitsprozeß einbezogen werden können, läßt sich das materielle Sein der in Arbeit Stehenden nur durch weitere Produktivitätssteigerungen verbessern. Der allenthalben vorgebrachte kritische Hinweis auf die steigende Investitionsrate ist deshalb nicht zu verstehen und liegt gewiß auch nicht im Interesse der arbeitenden Menschen von morgen.