Der Goethepreis der Stadt Frankfurt ist eine sehr vornehme Auszeichnung, die den mit der Auswahl der Kandidaten befaßten Personenkreis jedesmal in Verlegenheit versetzt, da man ja nicht immer nur R. A. Schroeder und Carl Burckhardt krönen kann. Das repräsentative Gewicht dieses Preises erlaubt nicht, die bloße Leistung zu messen, es nötigt zu einer Einschätzung der Persönlichkeit, was im zweideutigen Licht unserer heutigen Zustände nicht immer ganz leicht ist. Es war daher ein Geniestreich, die achtzigjährige Annette Kolb mit dem Preis auszuzeichnen. Hat sie doch selbst immer und ausdrücklich den größten Wert darauf gelegt, mehr um ihrer Meinungen als um ihrers Talentes willen Autorität zu genießen.

Es ist indessen das Los der Dichter, daß sie sich die Art ihrer Wirkungen nicht aussuchen können. Zwar haben ihre „Meinungen“ sie zu einer ritterlichen und untadeligen Figur gemacht, die den Frankfurter Preisrichtern gleichsam vom Himmel fiel; der unnachahmliche und eigentlich geniale Teil ihrer Substanz besteht indessen in ihren Erzählungen „Das Exemplar“, „Daphne Herbst“ und „Die Schaukel“, epischen Gebilden, die von dem verzehrenden, fast schluchzenden Verlangen beseelt sind, den Gang der Zeit, der ins Nichts führt, aufzuhalten und die geliebten Schatten, die eine Jugend erfüllten, ins Leben zurückzurufen.

Diese Dichterin, deren Vater Deutscher und deren Mutter Französin war, hat im geheimsten Vorratsraum ihrer Melodien immer nur ein Thema gehabt: die Jugend. Man wird in der deutschen Literatur nicht so leicht Kinder, Jünglinge und junge Mädchen von ähnlichem Reiz finden wie Marichee, Konstanze, Mathias, und wie sie alle heißen. Die unschuldige Lebendigkeit mit ihren humoristischen Zwischentönen wächst dem Leser so ans Herz, daß er an sie denkt wie an liebenswerte Gestalten, die zu früh gestorben sind. Man hat sie im Licht gesehen und sucht sie im Schatten.

Das, was die ausgezeichnete Dichterin ihre „Meinungen“ nennt, ergibt sich vornehmlich aus ihrem Leben, das sich stets auf der schmerzvollen Nahtstelle zwischen den zwei Nachbarvölkern. Deutschland und Frankreich, abgespielt hat. Es macht die Tragik jedes auf Völkerversöhnung gerichteten Idealismus aus, daß die Ohnmacht sein eigentliches Element ist. Wer das Gute predigt, findet weniger Ohren als derjenige, der auch der Gewalt ihr Recht zuspricht und dadurch zur Resignation auffordert. Nun, das ist wahrlich Annette Kolbs Sache nie gewesen, sie lebte gleichsam von Wutschrei zu Wutschrei; die Entrüstung war ihr eigentliches Element, sie konnte sich mit dem Unrecht, ohne das keine Politik möglich ist, nie abfinden. Es wurde daher ihr Schicksal, durch das Mahnen, Belehren und Predigen, worin sie sich verzehrte, weniger stark zu wirken als durch ihr Dichten. Ihr Pazifismus, ihr Glaube an eine deutsch-französische Verständigung, ihr Gerechtigkeitssinn waren Regungen, nicht Doktrinen. Sie schrieb ein Buch über Briand, weil sie ihn für einen Friedenspilger hielt; von dem handfesten Realismus dieses Staatsmannes hatte sie keine Vorstellung. Eine Art geistiger Unschuld trieb sie immer wieder in das Getümmel, für Ideale, die selbstverständlich waren und nach denen niemand sich richtete. Das hoffnungslose Geschäft, über den Völkern und ihren Zwistigkeiten zu stehen, betrieb sie mit einem Schwung, der nie alterte. Sie hatte überall, in allen Ländern, große und hingebende Freunde, aber sie blieb eine deutsche-Schriftstellerin, und Deutschland las sie mit echtem Verständnis; in Frankreich, dessen Sprache ihr selbstverständlich war, gelangte sie nie zu einer Position, die auf mehr als auf der Achtung vor – ihrer politisch-moralischen Haltung beruhte.

Annette Kolb wurde vom Sturm der Gewaltherrschaft in Deutschland weit in alle Winde getragen, bis nach Amerika, wo man sich ihre Persönlichkeit mit dem besten Willen nicht vorstellen kann. Sie schrieb Bücher über Mozart, Schubert, „Wagner und Ludwig II.“ und/kam schon 1946 wieder zu einem Besuch nach Deutschland zurück. „Man hätte auf mich hören sollen“, rief sie beim Anblick der Trümmer von München aus.

Ach, teure Dichterin, wo man doch nicht einmal auf das Wort Gottes mehr hatte hören wollen! Wie hätte diesen betäubten Ohren noch die einfache Lehre der Menschenliebe hörbar sein sollen, zu deren Wesen es gehört, vergeblich vorgetragen zu werden. Es wäre mehr gewesen, wenn wir auf den unvergleichlichen poetischen Ton, auf die ergreifende Melodie ihres dichterischen Werkes gehört hätten Wieviel Liebe, wieviel lächelnde Zärtlichkeit, wieviel Anbetung der Schöpfung strömt nicht aus den Seiten ihrer Bücher! Das hätten wir vernehmen sollen, nicht die Meinungen, so echt und dringlich sie waren, nein, den Gesang, um derentwillen wir heute das Antlitz der schönen alten Frau mit unzerstörbarer Verehrung betrachten.

Sbg.