Im letzten halben Jahrhundert hat sich die Urologie aus einem inneren Bedürfnis der Heilkunde heraus, indem nämlich gewisse häufige Erkrankungsgruppen mit den traditionellen Mitteln und Anschauungen nicht mehr zu bewältigen waren und besonders Biologie und Chemie zahlreiche neue Erkenntnisse zur Theorie und Therapie dieser Krankheiten beisteuerten, zu einem eigenen medizinischen Fachgebiet entwickelt. Sie ist im Rahmen der Gesamtmedizin zu einem sehr wichtigen verbindenden Glied zwischen innerer Medizin, Chirurgie und Gynäkologie geworden. 15 v. H. aller Krankheitsfälle sind Erkrankungen der Blasen- und Nierensysteme. Die Urologie ist zwar ein scharf abgegrenztes Fachgebiet, aber da ihre „Objekte“ mitten im Körper liegen, kommt es schon aus diesem Grunde zu zahlreichen Überschneidungen mit anderen Fachgebieten. Das zeigte auch der weite Rahmen der Hamburger Urologentagung. Etwa 500 Teilnehmer aus 22 Ländern waren durch Besucher oder offizielle Delegationen vertreten. Zum erstenmal waren nicht nur Teilnehmer aus den Ostblockstaaten, sondern auch eine Delegation hervorragender Wissenschaftler aus der Sowjetunion erschienen. Ein Zeichen, daß die deutsche Urologie – vor 50 Jahren in Wien zu einer wissenschaftlichen Gesellschaft zusammengefaßt – den Anschluß an die internationale wissenschaftliche Forschung wiedergewonnen hat.

Zu den Themenkomplexen des diesjährigen Hamburger Kongresses gehörte die Biologie und Klinik der Sexualhormone. Als ein besonders aktuelles Teilgebiet der klinischen Anwendung der Sexualhormone wurde die Frage der künstlichen Befruchtung behandelt. Von 10 vom Hundert aller kinderlosen Ehen ist – wie Prof. Kimmig (Hamburg) demonstrierte – zu 40 Vom Hundert der männliche Partner entscheidend beteiligt. Für den Gynäkologen kommt in den meisten Fällen nur eine Untersuchung der Frau in Frage. Aber biologische und physiologisch-chemische Forschungen der letzten Jahre haben erwiesen, wie sehr etwa die Wasserstoffionenkonzentration des männlichen Spermoplasmas eine Empfängnis beeinflußt. Dagegen ist die Spermatozoenzahl (normal 60 bis 120 Millionen pro Kubikzentimeter) nicht so entscheidend, wie man bisher glaubte. Man hat Fruchtbarkeit noch bis zu einer Zahl von fünf Millionen pro Kubikzentimeter festgestellt. Jede Unfruchtbarkeit erfordert grundsätzlich eine genaue Berücksichtigung der hormonalen Funktionen und des hormonalen Stoffwechsels.

Die medizinische Seite der Insemination – wie man die künstliche Befruchtung nennt – ist, wie übereinstimmend erklärt wurde, kein ernstliches Problem mehr. Um so interessanter und umstrittener waren die rechtliche und ethische Beurteilung dieses delikaten Vorganges. Eine wesentliche rechtliche Frage ist zunächst, wann eine medizinische Indikation für eine künstliche Befruchtung gegeben ist. Eine weitere sehr unterschiedliche Beurteilung besteht zwischen der homologen (innerehelichen) und der heterologen (außerehelichen) künstlichen Befruchtung. Die katholische Kirche lehnt jede Insemination ohne Einschränkung ab. Ebenso erklärt die evangelische Kirche alle derartigen Eingriffe nach einer Stellungnahme von Bischoff Dibelius als „unmoralisch“. Ein Spezialist vom Bundesverfassungsgerichtshof bezeichnete sie als „rechtlich haltlos“ und damit unstatthaft, während Prof. Dölle (Tübingen) für die homologe Insemination eingetreten ist. Prof. Sorrentino (Neapel) berichtete zwar, daß die italienische Gesetzgebung weder die homologe noch die heterologe Insemination verbiete, lehnte sie jedoch eben so wie der Heilige Stuhl grundsätzlich ab. Für die deutschen Gynäkologen erklärte Prof. Dietel (Hamburg), daß die Mehrzahl künstliche Samenübertragungen ablehne; zumal eTne gynäkologische Indikation erfahrungsgemäß nur selten gegeben sei. Vor allem aber bestehen in Deutschland schwerste Bedenken gegen die heterologe Insemination. Nicht so kraß äußerte sich Prof. Belonoschkin (Stockholm). Man hat in Schweden selbst bei heterologen Inseminationen gute Erfolge erzielt und zahlreiche Familien nach gründlicher Aussprache vor der Auflösung retten können. Allerdings plädierte auch Belonoschkin für die Adoption elternloser Kinder, statt einer ungewissen heterologen Insemination. Aus medizinischen Gründen sollte vor allem bei Diabetikern jede künstliche Befruchtung unterbleiben. Übereinstimmend wurde berichtet, daß die Befruchtung mit außerehelichen Spermien erfolgreicher sei als mit denen des Ehepartners.

Die Urologie beschäftigt sich nicht, wie das etwa in anderen Zweigen der Medizin der Fall ist, mit sogenannten Modekrankheiten. Noch immer ringt sie mit uralten Beschwerden des Menschen. Erst Technik und Chemie der jüngsten Zeit konnten die notwendigen Hilfsmittel bereitstellen, um ernste Eingriffe in Erkrankungen des Nieren- und Blasensystems mit Erfolg vornehmen zu können. Ihre entsprechende Berücksichtigung im Rahmen der Nachwuchsausbildung an unseren Universitäten steht in Deutschland jedoch immer noch aus. Man begründet zwar vieles mit dem Hinweis auf die „Volksgesundheit“, aber es ist immer noch möglich, daß etwa nach einem Verkehrsunfall eine beschädigte, blutende Niere einfach amputiert wird – nur weil kein urologischer Facharzt verfügbar ist, der hier eine bessere Lösung fände. Der dafür geeignete Nachwuchs wandert zur Chirurgie oder zur inneren Medizin ab, weil die Urologie immer noch ein Stiefkind der medizinischen Wissenschaft ist. Hier wäre im Interesse der Patienten ein Anschauungswandel erforderlich. N.