Norman Thomas, der Verfasser des folgenden Beitrages, ist Führer der Sozialistischen Partei Amerikas. Obwohl seine kleine Gruppe in dem festgefügten Zweiparteiensystem keine Chance hat (er kandidierte sechsmal vergeblich zur Präsidentschaft), genießt Thomas wegen seiner Unabhängigkeit, seines Mutes und der Lauterkeit seiner Gesinnung hohes Ansehen. Im zweiten Weltkrieg hat er sich gegen die Bombardierung der Städte, gegen die Rachepolitik, gegen den Imperialismus, für einen Verhandlungsfrieden und später für die Versöhnung mit den geschlagenen Völkern eingesetzt. Heute warnt er vor leichtgläubiger Nachgiebigkeit Moskau gegenüber, welche die Probleme ungelöst läßt.

Die freundschaftlichen Gefühle, die seit der Genfer Konferenz so plötzlich Völker und Regierungen verbinden, die noch gestern am Rande eines Atomkrieges zu stehen schienen, sind an sich bereits ein wertvoller Beitrag zum Frieden. Nicht einmal Diktatoren können es sich leisten, mit Menschen umzuspringen, als seien sie gefühllose Roboter. Man wird jetzt nicht mehr so leicht dem russischen Volk wieder vormachen können, Amerika sei ein verabscheuungswertes Land, wie man es ihm noch im letzten Winter einhämmerte.

Man braucht keinen Eisernen Vorhang, um einen Krieg vorzubereiten; das haben Hitler und Mussolini bewiesen. Zwischen uns und der kommunistischen Welt ist bis jetzt noch keines der bestehenden Probleme bereinigt. Selbst wenn wir einmal für den Augenblick die Lage im Fernen Osten auf sich beruhen lassen, so ist noch längst nicht alles eitel Sonnenschein.

Noch nach der Genfer Konferenz haben die Russen Österreich Zugeständnisse abgepreßt, die über den Staatsvertrag hinausgehen. Die Arbeitssklaverei in den gewaltigen sowjetischen Lagern ist nicht beseitigt. Die Satelliten sind nach wie vor Moskaus Sklaven. Weder ideologisch noch ihrem Handeln nach haben die Kommunisten das Ziel der Weltherrschaft aufgegeben. Das sind die Gründe, warum für uns, die wir Freiheit und Recht isowohl wie unsere Sicherheit lieben, Koexistenz nicht bedeuten kann, daß wir die Hände in den Schoß legen. Im Atomzeitalter schreckt die Menschheit zwar davor zurück, Streitigkeiten zum Weltkrieg werden zu lassen, aber dennoch darf man nicht glauben, man könnte durch Beschwichtigung, durch leichtsinniges Vertrauen auf dieses plötzlich so freundliche Klima echten Frieden erkaufen. Der Konflikt zwischen Freiheit und Despotie, zwischen Demokratie und totalitärem Staat wird und muß weiterbestehen. Es ist meine feste Überzeugung, daß die Demokratie diese Auseinandersetzung am erfolgreichsten in einer Welt führen kann, die sich zur Abrüstung entschlossen hat. Eine allgemeine überwachte Abrüstung wäre auch der politische Hintergrund, auf dem allein Probleme wie die Wiedervereinigung Deutschlands und die Sicherheit Europas gelöst werden können.

Moskau stellt die Sicherheit an die erste Stelle, weil es Amerika aus Europa verdrängen möchte. Aber es wäre gefährlich, wollten die Vereinigten Staaten sich zurückziehen, solange nicht eine allgemeine Abrüstung erreicht ist – die Tatsache, daß Westeuropa sich nicht zu einigen, ja nicht einmal einen gemeinsamen politischen Willen zu entwickeln vermochte, beweist das klar genug. Selbst bei einer Abrüstung gäbe es aber keine Sicherheit für Europa, solange Deutschland geteilt und Ostdeutschland eine Geisel und Marionette in der Hand des Kremls ist.

Bei den Konferenzen Adenauers in Moskau und der Außenminister in Genf sollte daher die Frage der deutschen Einheit vor der europäischen Sicherheit an erster Stelle stehen. Diese Einheit ist in der Tat eine wesentliche Bedingung für Europas Sicherheit. Die Wiedervereinigung muß durch wirklich freie Wahlen erreicht werden, nicht aber durch Zugeständnisse, die die Regierung der DDR anerkennen, die sich nicht einmal auf das Potsdamer Abkommen, die Quelle so vielen Übels, berufen kann. Ebensowenig können die Westmächte oder die Bundesrepublik es sich leisten, für Deutschlands Einheit den Preis einer von den Russen auferlegten Neutralisierung nach österreichischem Vorbild zu zahlen – es sei denn, die Satelliten wären in dieser Neutralisierung als Teil, nicht eines „europäischen Sicherheitsplanes sondern einer allgemeinen Abrüstung eingeschlossen.

Heute schon besteht die Gefahr, daß die gemeinsame Front des Westens den Lockungen, die Moskau an die Franzosen richtet, nicht standhält. Sie wird gesteigert durch die arrogante Unfähigkeit des französischen Imperialismus in Nordafrika, wo die verhängnisvolle Kombination nationalen Stolzes und militärischer Schwäche es wahrscheinlich dahin bringt, daß Frankreich und die freie Welt ebensoviel zahlen müssen wie in Vietnam.