Die politische Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, daß der Weg nach Europa langwierig sein wird und daher Geduld erfordert. Diese Geduld wird aber nur dann stark genug bleiben können, wenn der europäische Gedanke mehr von einem Bewußtsein unserer abendländischen Kulturgemeinschaft und einem spürbaren europäischen Kulturwillen erfüllt und getragen wird. Gibt es nun Möglichkeiten, die für dieses geistige Grundanliegen fruchtbare Voraussetzungen und Ansätze schaffen können – und zwar neben den Bemühungen offizieller Instanzen, wie des Europarates, der kürzlich ein umfangreiches kulturelles Aktionsprogramm beschlossen hat?

Bemerkenswerte Anregungen und Pläne in dieser Richtung wurden neuerdings von der „Fondation Européenne de la Culture“ entwickelt. Sie beabsichtigt, einen Fonds von 10 Mill. Dollar zu schaffen, und hat die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände sowie Privatgesellschaften in den europäischen Ländern zu Sammlungen und Stiftungen für diesen Fonds aufgerufen. Aus dieser gesamteuropäischen Stiftung sollen dann wichtige wissenschaftliche, vor allem historische Unternehmungen finanziert und gegebenenfalls Institute begründet und der europäischen Literatur und den anderen Künsten – Vor allem dem Nachwuchs – weitgehende Förderung zuteil werden. Die Fondation Europeenne weist darauf hin, daß die Kultur aller europäischen Länder Gemeingut aller Europäer sei. Es gebe keine der heutigen nationalen Kulturen, die nicht auf dem älteren Fundament einer umfassenden europäischen Kultur fuße.

Man wird leicht dazu verleitet, den kulturellen Lebensbereich mit ähnlichen Ordnungsformen gestalten zu wollen, wie sie im politischen und wirtschaftlichen Leben angewandt werden. Aber man übersieht dabei, daß Kultur an die schöpferische Freiheit des Menschen gebunden ist, und daß sie sich nach eigenen Gesetzen organisch entfaltet. Selbstverständlich gibt es in Europa heute kulturelle Aufgaben, vor allem wissenschaftlicher Art, die gemeinsamer Planung und Unterstützung bedürfen (zum Beispiel die vier Europa-Kollegs). Ebenso sind einheitliche Regelungen auf kulturpolitischem Gebiet, wie gegenseitige Anerkennung der Examina, zu begrüßen. Aber die wissenschaftlichen Leistungen in Europa oder etwa die Gründung von Instituten machen allein noch nicht die „europäische Kultur“ aus. Kultur ist weit mehr. Sie ist eine geistig-sittliche Lebensform, in der der Mensch seine Kräfte in Freiheit entfalten kann. Da der Mensch ein gesellschaftliches und geschichtliches Wesen ist, so wird diese Lebensform, dieses geistige Klima, notwendig von der Heimat, der Nation und ihren Kulturwerten getragen; in Europa also von den einzelnen nationalen Kulturen, die sich in jeweils verschiedener Dichte und Geschlossenheit ausgebildet haben und in denen sich die „europäische Kultur“ als ein übergeordnetes Ganze zugleich manifestiert. Europa ist eine Einheit in der Mannigfaltigkeit. Daraus ergibt sich, daß jede Kulturförderung innerhalb eines europäischen Landeszugleich der europäischen Kultur dient, ja, daß europäische Kulturbemühung, richtig verstanden, sich praktisch vor allem im nationalen Lebenskreis vollziehen muß. Worauf es indessen dabei heute entscheidend ankommt, ist, daß der Blick für die Eigentümlichkeiten, die Werte, aber auch die Nöte der anderen Völker frei wird, damit Vorurteile und Mißverständnisse schwinden.

Reiche Möglichkeiten des Austausches und gegenseitiger Anregung würden sich ergeben, wenn die einzelnen kulturfördernden Organisationen der Länder miteinander in Verbindung treten und eine Art „Aufgabenteilung“ für die Betreuung einzelner Kulturgebiete vereinbaren würden. So könnten etwa französische Organisationen die besondere Förderung der „Bildenden Künste“ in Europa übernehmen, Deutschland und Österreich könnten die „Musik“ betreuen, Italien könnte das Gebiet der Architektur vertreten, und Stiftungsgruppen in den mehrsprachigen Ländern, etwa in der Schweiz und den Beneluxstaaten, könnten sich der besonderen Förderung der europäischen Literatur widmen. Ein anderes Land müßte sich für die Unterstützung der Kulturwissenschaften einsetzen. Auf dieser Art könnten sich beispielsweise fünf „Europäische Ringe“ bilden, deren Träger jeweils eine oder mehrere Stiftungsgesellschaften eines bestimmten Landes wären, ihnen stände ein weites Feld zu gemeinsamen Unternehmungen offen. Dabei sollte man sich an bestehende periodische Kulturveranstaltungen von europäischem Rang in den einzelnen Ländern halten und an bekannte Einrichtungen des europäischen Geisteslebens, wie die Salzburger Festspiele, die Ansbacher Musikwochen oder die Biennale in Venedig, die Triennale in Mailand oder die von einzelnen Ländern veranstalteten Hochschulwochen, anknüpfen. Daß Kulturverbindungen, die der Initiative der Organisationen in den Ländern freien Raum lassen, jedenfalls eine lebendigere Dynamik auslösen können als eine „supranationale Kulturorganisation es vermag, dürfte allgemein einleuchten.

Es darf angesichts der zunehmenden Vermassung nicht übersehen werden, daß in den kleineren noch überschaubarem Bezirken mit der finanziellen Anstrengung der einzelne oder bestimmte Kreise zugleich in die kulturelle Verantwortung hineingestellt werden und dadurch in engere Beziehung zum Wertreich der Kultur geraten. Eine von oben her organisierte Kulturpflege muß daher notwendig im Institutionellen steckenbleiben. Dieses Schicksal ist bisher auch den UNESCO-Instituten mit ihren weitreichenden Mitteln nicht erspart geblieben. Nun wird, um die Notwendigkeit großzügiger Stiftungen zur Förderung der europäischen Kultur zu dokumentieren, auf die umfangreicher privaten Stiftungen in den Vereinigten Staaten hingewiesen. Ihnen gegenüber sind die europäischen Beträge nominell gering. Man vergißt aber dabei, daß in den Vereinigten Staaten das Bildungswesen und die wissenschaftliche Forschung fast ausschließlich durch diese Stiftungen finanziert werden, wohingegen in Europa zum größten Teil der Staat Träger der kulturellen Einrichtungen ist. Europäische Besorgnisse, gegenüber dem überlegenen amerikanischen finanziellen Einsatz nicht bestehen zu können, sind weder auf Grund solcher Zahlenvergleiche noch auf Grund prinzipieller Überlegungen berechtigt.

Gustav Stein