Gründgens begann mit Schiller und Zuckmayer

Das Theaterleben in der Bundesrepublik tat zu einem neuen Schwerpunkt angesetzt: Hamburg, das bisher hauptsächlich als Opernstadt in die Weite strahlte, will auch im Schauspiel eine deutsche Spitze bilden. Wo der Stern des Schauspielers Gustaf Gründgens aufging, da will der Intendant Gründgens seine letzte Karte ausspielen.

Eröffnet wurde die neue Ära im Deutschen Schauspielhaus mit einer transponierten Reprise. „Wallensteins Tod“ wurde aus Düsseldorf nach Hamburg verpflanzt und mit neuen Kräften durchsetzt. Die neue Premiere konnte nur als Präludium gelten. Gründgens dehnte, gliederte und gipfelte seinen ersten Wallenstein-Monolog, als wolle er förmlich predigen: Auf dies und das kommt es thematisch an in „Wallensteins Tod“. Er sprach schön, sehr schön, und wer seinen Wallenstein vorher nie sah, der war wohl am an diesem Abend angerührt von dem Gefühl, mit dem er Max umwarb, um Max, das Ideal, dann trauerte. Doch das Gefühl war vorbei, wenn die Verse verklungen waren.

Wenn Gründgens spielt, übersieht man leicht, daß sich seine stilprägenden Rollenschöpfungen meistens unter der Regie eines anderen vollziehen. Ulrich Erfurth, der „Wallenstein“-Regisseur, ist ein feinfühliger Spielleiter der Moderne, die Klassik jedoch ist nicht seine Stärke. Er suchte eine Verbindung zwischen dem persönlichen Impetus und Sprechstil von Gründgens und einer Schillerdeutung, die sich heute vertreten läßt. Dabei blieben manche neuen Kräfte, die in Hamburg einzufügen waren (Eduard Marks, Ehmi Bessel) außerhalb des Formbogens. Nur Werner Hinz war eben Piccolomini, wenn auch nicht der Partner von Gründgens. Was als Düsseldorfer Team nach Hamburg kam, das zeigten als Terzky und Illo Ullrich Haupt und Max Eckard. Sie setzten einen Maßstab. Auch Hermann Schömberg als Butler und Richard Manch als Wrangel. Gründgens’ eigentliche Partnerin war aber Elisabeth Flickenschildt, die Gräfin Terzky. Sie wirkte groß als optisch-statuarische Erscheinung und als Persönlichkeit. Wird man sie auch sprecherisch in Hamburg, von wo sie ausging, als Tragödin anerkennen? Am Beifall gemessen, flog das Publikum auf Sebastian Fischer, den Max Piccolomini. Das Können eines Sprechers, Maß und Form gelten also vorläufig weniger als das Temperament und die spürbare „Begabung“.

In einem trugen Gründgens und Erfurth dem Hamburger Riesenhaus schon Rechnung: Man sprach für die letzte Reihe. Die logisch wohlgegliederte Emphase erhielt Betonungen und Hilfsbetonungen, damit alles ganz deutlich werde. Es war zuweilen zum Skandieren deutlich. Nur nicht einheitlich. Antje Weisgerber zum Beispiel sprach ihre verknappte Thekla, wie sie Schiller von Stroux gelernt hat. Das wiederum dürfte über die zehnte Reihe nicht weit hinausgekommen sein.

Die fünfte oder die zehnte Vorstellung wird vielleicht so schlüssig sein, wie es die Düsseldorfer Premiere war. Caspar Neher formte hier wie dort das Bild und den Raum: beispielhaft. Im übrigen aber erinnerte man sich, daß Hamburgs Schauspielhaus früher, das „Burgtheater des Nordens“ genannt wurde. Diesmal lag die „Burg“ noch in der Stilnähe Wiens. Johannes Jacoli

Das kalte Licht