Ruhe als Arznei in Heilbädern

hm Bad Driburg, im September

Auch die angestrengtesten Bemühungen des Gartendirektors können die langsam fallenden Blätter nicht aufhalten. Es wird langsam Herbst. Die Kurgäste in den Badeorten suchen noch immer die Sonne, die bei der weitläufigen Anlage der Kurbezirke auch dann, wenn sie tief am Himmel steht, ihre Strahlen zur Erde senden kann. Und das Märchen, daß nur die Geldleute unter den Badegästen in der Hochsaison reisten und wortlos mit dem Blätterfall denen das Feld räumten, welche die finanziellen Vorteile der Nachsaison in Anspruch zu nehmen wünschten, ist eigentlich schon so oft ad absurdum geführt worden, daß man es sich fast schenken könnte, es zu widerlegen. Leider aber sitzt nichts so fest im Gedächtnis wie ein Märchen, dessen Moral mürbe ist.

Es ist gleich, wann die Quellen und natürlichen Heilmittel vom Patienten „konsumiert“ werden. Eine andere Frage ist: wo soll dies geschehen? Es spielt eine erhebliche Rolle, ob man die Kur im Bad oder ob man sie zu Hause durchführt. Beide Arten haben ihre Eigenheiten und Erfolge. Es ist aber grundfalsch, wenn man sich einredet oder einreden läßt, daß die Heilwirkung des Bades im Herbst absinke. In dieser stillen Zeit kommt das Weniger an Zerstreuung und Geselligkeit dem Kurgast als Zuschuß an Ruhe zugute. Darum ist der Herbst auch die große Zeit der Sanatorien. Geöffnet sind sie das ganze Jahr, bis auf die seltenen Ausnahmen derjenigen, die zur Überholung schließen.

Den Sanatorien kann man fast die Kurhäuser jener Bäder zuzählen, die ebenfalls ganzjährig geöffnet bleiben. Nun wirkt sich aber leider auch jener psychologische Tatbestand aus, daß mit dem „Kurhaus“ ein Begriff von Luxus und Unruhe verbunden wird: Der „strahlende Mittelpunkt“ jeden Badeortes gilt als die Summe der Eleganz, so daß sich der Besucher oft zu mehr eigener Eleganz verpflichtet fühlt, als er sich leisten kann und will. Wie viele wären gern mehr in „ihr“ Kurhaus gegangen, wenn sie nicht immer wieder dieser Selbsttäuschung erlegen wären. Die Belehrung über das wahre Wesen des Kurhauses aber erfolgt in der wundervollen Jahreszeit des Herbstes, zugleich auch mit dem „Kursus“ über das Sanatorium.

Daß die technischen Nebenausgaben in der Jahreszeit, da die Badeorte schwächer besucht sind und dennoch meist nur eine kaum merkbare Minderung der gebotenen Zerstreuungen, Musiken, Theater und Vorträge mit sich bringt, erheblich, manchmal sogar drastisch gesenkt werden, wissen schon recht viele. Sie nutzen es aber seltsamerweise nicht in dem Umfang aus, der dieser Kenntnis entsprechen müßte. Sie bleiben mißtrauisch und meinen, es würde keinem etwas geschenkt, und schon gar nicht von den Unternehmern in Fremdenverkehr und Bäderwesen. Wahr ist aber, daß die Berechnungen im Sommer andere Grundlagen haben als in Herbst, Winter und Frühling. Jeder Kaufmann, jeder Mensch, der mit Einkauf und Nachfrage zu tun hat, weiß das. Leider aber wittern viele immer hinter einer Sache, die zu verschiedenen Zeiten zu unterschiedlichen Preisen abgegeben wird, einen Qualitätsunterschied.

Dabei ist diese Auffassung grundverkehrt. Beinahe möchte man behaupten, daß man in der stillen Jahreszeit für die geringeren Ausgaben mehr an Heilware bekommt, als in der Unrast der Hauptreisezeit. Da ist vor allem jenes Zusatzheilmittel: die Ruhe. Strömt nicht schon allein der Kurpark, wenn er unter den raschelnd fallenden Blättern träumt, diese Ruhe aus?

Die Gäste der Herbstsaison sind alle um mehrere Grade gesetzter, langsamer, genießender. Sie gehen nicht, sie schreiten; sie reden nicht, sie führen behutsam ein Gespräch; sie geben sich so, wie sie wünschen, daß alle anderen sich auch geben möchten. Der Kurgast der „Zeit der fallenden Blätter“ bestimmt, wie jeder andere Kurgast zu seiner Zeit auch, das Besuchsklima des Ortes seiner Wahl.