Japans Außenminister Mamoru Schigemitsu, den ein amerikanisches Gericht nach dem Kriege wegen „Beteiligung an einer Verschwörung zur Errichtung der japanischen Weltherrschaft“ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte, ist jetzt bei seinem Staatsbesuch in Washington mit allen Ehren empfangen worden.

Der Besuch hat eine Vorgeschichte: er war schon einmal vom Kabinett Hatoyama gewünscht, aber von Außenminister Dulles mit dem Bemerken abgetan worden, er habe „nicht genügend Zeit“. Der Grund war die Verstimmung Washingtons über Hatoyamas Wahlsieg über die liberale Partei seines pro-amerikanischen Vorgängers Joschida, durch die Wahlparole eines selbständigeren Kurses gegenüber den Vereinigten Staaten, einer Annäherung an Rotchina und der Herstellung normaler Beziehungen zur Sowjetunion.

Schigemitsu konnte in Washington in aller Form versichern, Japan sei heute ein treuer Freund und Alliierter der Vereinigten Staaten. Allerdings hätte diese Politik im japanischen Volk stärkere Resonanz, wenn der Vertrag von 1952, der Amerika das Recht gibt, Land-, See- und Luftstreitkräfte auf japanischem Gebiet zu unterhalten, während Japan selbst nur eine subalterne Rolle im Sinne der Gleichberechtigung spielt, revidiert würde. Nach einem Sechsjahresplan zur Wiederaufrüstung werde Japan bis 1958 eine Wehrmacht von 200 000 Mann, davon 183 000 Mann Bodentruppen, und bis 1961 eine Luftwaffe, mit 1300 Flugzeugen aufstellen. Die Amerikaner meinten zwar, erst bei 350 000 Mann sei die Verteidigung Japans ausreichend gesichert, erklärten sich jedoch bereit, ihre Truppen in dem Maß abzuziehen, wie Japan in der Lage sei, die Verteidigung nach und nach selbst zu übernehmen.

Mit dieser Zusicherung hofft Schigemitsu im Parlament, das Anfang Oktober wieder zusammentritt, den Widerstand gegen die Wiederaufrüstung zu überwinden. Bisher ist der Sechsjahresplan nicht einmal vom Kabinett gebilligt worden, weil der Finanzminister nicht weiß, wie er die Mittel dafür aufbringen soll.

Die Frage der von den Amerikanern besetzten Riu-Kiu Inseln und der Bonin-Gruppe, auf denen heute noch keine japanische Zivilverwaltung zugelassen ist, erwähnt das Abschlußkommunique nicht. Schigemitsu hat offenbar vergeblich plädiert, die Freigabe würde Japans Forderung auf Rückgabe der von den Russen widerrechtlich besetzten Inseln Habomai und Schikotan wesentlich unterstützen. Auch in der Liberalisierung des Handels mit der chinesischen Volksrepublik, die Schigemitsu als lebensnotwendig bezeichnete, verhielten sich die Amerikaner zurückhaltend. Sie erklärten, man müsse das Ergebnis der Konferenz der Außenminister der großen Vier abwarten.

Von den 210 durch amerikanische Kriegsgerichte verurteilten Japanern begnadigte Washington 22 mit sofortiger Wirkung und sagte die Überprüfung der übrigen zu.

Sensationelle Beschlüsse hat der Besuch des japanischen Außenministers nicht gebracht. Das wichtigste Ergebnis ist die Beseitigung des amerikanischen Mißtrauens gegenüber den Absichten und Zielen der Regierung Hatoyama. Schigemitsu hat Washington davon überzeugen können, daß „Japan ein zuverlässiger Partner im Verteidigungssystem der westlichen Welt“ bleibt. Ernst Krüger