Die Kapitalstruktur der Unternehmen ist für die Gesamtwirtschaft von größter Bedeutung. Eine schwache Kapitalstruktur steigert die Krisenanfälligkeit, während eine feste auch verhältnismäßig böse Rückschläge auffangen hilft. Von der Kapitalknappheit der Unternehmen in der Nachkriegszeit ist immer wieder gesprochen worden. Genaue Zahlen fehlten bisher. Die Aktiengesellschaften veröffentlichen zwar ihre Bilanzen, aber die Einzelbilanz vermag allgemeinwirtschaftlich nur wenig zu besagen. Gültige Aussagen sind nur durch Reihenuntersuchungen zu gewinnen. Deshalb ist es sehr lobenswert, daß vom Statistischen Bundesamt eine grundlegende Untersuchung über die Kapitalstruktur der Aktiengesellschaften (auf Grund der Bilanzen für 1953) durchgeführt worden ist. Ein Vergleich mit den Verhältnissen vor dem Kriege, der allerdings mit gewissen Vorbehalten aufgenommen werden muß, erhöht den Wert dieser Arbeit. Die Aktiengesellschaften stellen zwar nur einen Ausschnitt der Gesamtwirtschaft dar, aber man darf trotzdem die Ergebnisse als repräsentativ für die Gesamtwirtschaft ansehen.

Die Kapitalstruktur der Gesellschaften hat seit der Währungsumstellung eine weitgehende Wandlung erfahren. Damals wurden die Fremdkapitalien bis auf kleine Reste zusammengestrichen, so daß in den Bilanzen die Eigenkapitalien vorherrschten. Bei der Umstellung wurde das Aktienkapital zugunsten der Rücklagen durchweg klein gehalten. In der Folgezeit hat das Eigenkapital buchmäßig im allgemeinen keine wesentliche Änderung erfahren. Kapitalerhöhungen gehörten bis Ende 1953 zu den Seltenheiten; die Aufstockung der Rücklagen beschränkte sich im allgemeinen auf Beträge, die aus nachträglichen Höherbewertungen der Anlagen stammten, so daß es sich um eine rein buchmäßige Änderung handelte. Die eigentliche Kapitalbildung dieser Jahre vollzog sich über den Aufbau der Rückstellungen, also jene Beträge, die den Jahresergebnissen entnommen wurden, um zu erwartende Verpflichtungen decken zu können. Nur zum begrenzten Teil handelt es sich dabei um echte Verpflichtungen, die kurzfristig fällig wurden. Vielmehr sind hier erhebliche Kapitalien gebildet worden, die den Gesellschaften für lange Zeit zur Verfügung stehen und im Laufe der Jahre zu echten Rücklagen, also zu Eigenkapital werden. In den letzten Jahren spielen die Rückstellungen für Pensionsverpflichtungen eine sehr bedeutende Rolle. Eine ähnliche Bedeutung kommt der Bildung von Unterstützungskassen zu, die zum großen Teil als selbständige Rechtspersönlichkeiten verwaltet werden. Jedoch steht ihr Kapital den Unternehmungen zur Verfügung. Es hat sich also hier eine recht kräftige Kapitalbildung vollzogen, die aber in dem Eigenkapital der Gesellschaften nicht zum Ausdruck kommt.

Nebenher lief noch eine andere Art von Kapitalbildung durch die Errichtung von Anlagen, die gleichzeitig wieder abgeschrieben wurden, so daß der Wertzuwachs in den Bilanzen nicht zum Ausdruck kommt. Auch hier handelt es sich besonders bei den Industrien mit günstiger konjunktureller Entwicklung um sehr beachtliche Beträge, die bei dem Rückschlag nach dem Korea-Boom auch bereits größere Verluste aufgefangen haben. Insbesondere die Festigkeit der Textilindustrie gegenüber diesem recht kräftigen Stoß ist nicht zuletzt auf die „stillen“ Kapitalpolster zurückzuführen. Die Frage, ob diese heute kleiner oder größer als vor dem Kriege sind, ist allerdings schwer zu beantworten. Die Verhältnisse werden bei den einzelnen Wirtschaftszweigen und den einzdnen Unternehmen sehr unterschiedlich liegen. Diese stillen Kapitalien beeinflussen das wirkliche Verhältnis des Eigenkapitals zum Gesamtkapital ganz wesentlich. Man wird wohl richtig gehen, wenn man dieses Verhältnis durchweg günstiger einschätzt, als es die Zahlen erkennen lassen.

Die Untersuchung kommt zum Ergebnis, daß der Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsunme unmittelbar nach der Geldumstellung stark gesunken ist, und daß sich dieses Absinken in 1952 und erneut stärker noch in 1953 fortgesetzt hat. Der Anteil des Eigenkapitals am Gesamtkapital lag Ende 1953 mit 47,7 v. H. erheblich unter dem Jahre 1913 mit 59,3 v. H. und unter dem Durchschnitt der Jahre 1928 bis 1937. Er bleibt such noch hinter dem niedrigen Stand des Jahres 1937 mit 50,6 v. H. zurück. Bei einem Vergleich muß man allerdings die oben dargestellten Wandlungen berücksichtigen, die erhebliche Vermögensteile zu Rückstellungen oder gar zu Verpflichtungen Verden ließen.

Besonders stark rückläufig ist der Anteil des Grundkapitals (Aktienkapitals), das 1953 nur 27,5 v. H. der Bilanzsumme ausmachte, gegenüber 54 v. H. in den DM – Eröffnungsbilanzen und 40,5 v. H. Ende 1937 (47,9 v. H. Ende 1913). Demgegenüber macht das sonstige Eigenkapital, also insbesondere an Rücklagen, für 1953 noch 19,6 v. H. gegenüber 29,7 v. H. bei der Geldumstellung und 10,1 v. H. für 1937 (11,4 v. H. für 1913) aus. Die Rückläufigkeit des Eigenkapitalanteiles verliert an Gewicht, wenn man demgegenüber feststellt, daß die Rückstellungen Ende 1953 auf 12,4 v. H. der gesamten Bilanzsumme gestiegen sind, gegenüber 4,6 v. H. bei der Geldumstelhng und 7,3 v. H. in 1937, während für 1913 keine Vergleichswerte vorlagen, zumal damals Rückstellungen nur für ganz bestimmte Zwecke vorgenommen wurden und die allgemeine Aufgabe der Rückstellungen mehr den stillen Rücklagen überlassen wurde. Das tatsächlich haftende Eigenkapital war also 1953 höher als 1937, und der Anteil des mitarbeitenden Kapitals ist noch höher einzuschätzen, da unter den Verpflichtungen erhebliche Beträge enthalten sind, die zwar juristisch nicht zum Eigenkapital gehören, aber wirtschaftlich weitgehend als solches gewertet werden können.

Das verfügbare langfristige Fremdkapital hat nur bei einem Teil der Industrie wieder größere Bedeutung gewonnen, insbesondere bei den großen Industrieunternehmen der Produktionsgüterindustrien. Es machte 1953 wieder 14,5 v. H. gegenüber 4,3 v. H. bei der Geldumstellung und 11,8 v. H. in 1937, dagegen 20,3 v. H. in 1913 aus. Man sieht den zweimaligen Schnitt durch die Geldumwertung deutlich.

Das starke Anwachsen der kurzfristigen Verpflichtungen während der letzten Jahre hat manchmal zu Bedenken Veranlassung gegeben, aber die Untersuchung zeigt, daß ihr Anteil an der Bilanzsumme in den letzten Jahren sogar etwas rückläufig ist, nachdem erhebliche Beträge in langfristige Verbindlichkeiten umgewandelt werden konnten. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten machten 1953 wieder 25,7 v. H. aus, gegenüber 6,8 v. H. bei der Währungsreform, aber der Anteil lag etwa auf der Höhe von 1937 mit 25,8 v. H., während er allerdings in 1913 mit 20,4 v. H. erheblich niedriger war. Das gesamte Fremdkapital wurde für 1953 mit 51,2 v. H. der Bilanzsumme gegenüber 15,7 v. H. bei der Geldumstellung ermittelt und lag damit höher als 1937 mit 44,9 v. H. und 1913 mit 40,7 v. H. Berücksichtigt man aber die wachsende Bedeutung der Rückstellungen, die in der vorliegenden Untersuchung als Fremdkapital betrachtet werden, dann ergibt sich bei einem Vergleich, daß die echten Verbindlichkeiten auch 1953 sowohl gegenüber 1937 als auch gegenüber 1913 an Gewicht verloren haben. G. Plum