„Das Unbekannte in der Kunst“ war ein Leben lang der Gegenstand des malerischen Schaffens von Willi Baumeister, der dieser Tage 66jährig gestorben ist. Es war auch der Titel eines Buches, in welchem der reflektierende Künstler Rechenschaft über sein Wollen und Vollbringen ablegte und zugleich sein ganz persönliches kunstphilosophisches Bekenntnis. Der folgende Abschnitt ist dem Kapitel „Suchen, Finden“ entnommen.

In allen Leistungen der Leuchten der Menschheit sind Entdeckungen und Erfindungen keine isolierten Komplexe, wie es die Oberflächlichkeit gemeinhin anzunehmen gewohnt ist. Es müssen Veranlagungen originaler Art vorhanden sein, wenn sie sich auch in manchen Fällen zunächst nur zögernd zeigen. Sie sind aber auf breiter Basis in mancherlei Äußerungen und Tun latent spürbar. Außerdem ein Grundsätzliches: es hängt der Individualität des Erfinders neuer Werte jeweils ein Charakterkomplex an, der das Genialische unterbaut, indem das Ethische das Intuitive begleitet. Denn dasjenige, was mit zum Licht verhilft, ist auch das Exemplarische der menschlichen Persönlichkeit des Meisters. Liest man zum Beispiel die legendären Begebenheiten aus den Lebensläufen von Buddha und Christus und vom Verhalten beider in allen Lebensfragen, so ist damit eine Totalität aufgedeckt, die sie zu Kulminationspunkten der Menschheit machen. Pars pro toto, der Teil für das Ganze. Das Totale wird zum ungewöhnlich Kühnen, es zerreißt jegliche Konvention, zugleich wird es zum Selbstverständlichen, zum Einfachsten, zum „Natürlichen“, zum Beispielhaften. Geniale Menschen sind nicht nur Entdecker und Erfinder. Je höher ihre Belange gehen, je allgemeingültiger wird auch ihr Verhalten in allen Fragen und Situationen.

Marie Sklodowska-Curie ist hier zu nennen. Becquerel entdeckt Strahlungen, die vom Uran ausgesandt werden. Marie Curie kontrolliert diese Strahlungen und entdeckt die gleichen Strahlkräfte auch in anderen Mineralien. Sie schließt, daß ein unbekanntes, strahlendes Element hier und dort wirksam sein muß. Sie äußert sich zu ihrer Schwester: „Das Element ist da. Nun muß man es finden.“

Das Geniale zeigt sich im Einfachsten, indem es sich Stufe für Stufe baut und Logik, Hypothese, Einkreisung, praktische Forschung und Intuition je im richtigen Augenblick einsetzt.

Jede wahrhafte Erfindung enthält neue Möglichkeiten in sich. So gründen sich auf den Hertzschen Wellen und auf Planck in der Wissenschaft und auf Cézanne in der Kunst viele spätere Errungenschaften. Diese Initiatoren hatten alles in sich. Aber sie konnten in ihrem spekulativen Tun nicht „wissen“, welche ihrer Stationen als Haltepunkte, Nebenwege oder welche als roter Faden sich ausbilden werden.

So glaubte Marie Curie, ihre erste Station, das Polonium, sei ihr großes Resultat. Bei Cézanne liegen die Formerfindungen bereits stärker in seiner mittleren Schaffenszeit. Aber auch in seinen Anfängen kündigt sich trotz traditionellen Anteilen das Originale an.

Künstler und Wissenschaftler sind innerhalb der Methode des Findens, des Genialen, gleich.

Es soll nebenbei bemerkt werden, daß es in der Kunst im Gegensatz zur Wissenschaft keine Beweise gibt. Kunst verlangt Glauben an die Kunst. Die Wissenschaft als gesamter Komplex von außen gesehen, kann jedoch auch nicht bewiesen werden. Die Wissenschaft als gesamter Bereich setzt den Glauben an die Wissenschaft voraus.