Trotz des Vierteljahresultimos und des bevorstehenden Steuertermins, der doch – zumindest vorübergehend – 3 bis 3,5 Mrd. DM bindet, blieben die Aktienmärkte in der vergangenen Woche bemerkenswert stabil. Diese Tatsache ist um so beachtenswerter, als das Ausland gegenwärtig nur wenig Interesse für deutsche Wertpapiere zeigt und eher geneigt ist, die inzwischen angefallenen, meist nicht unbeträchtlichen Gewinne zu realisieren. Das mag politische Gründe haben; sicher ist jedoch, daß sich dem internationalen Kapital auf anderen Gebieten lohnendere Chancen bieten als bei den deutschen Wertpapieren mit ihrem weitgehend ausgewogenen Kursniveau. Damit soll nicht gesagt sein, daß auf dem Aktienmarkt keine Gewinmöglichkeiten mehr vorhanden sind. Die letzten Börsentage bewiesen das Gegenteil, doch erscheinen Riesenprofite – wie wir sie seit der Währungsreform in mehreren Perioden erlebt haben – zum gegenwärtigen Zeitpunkt als wenig wahrscheinlich. Es wird in Börsenkreisen durchaus für möglich gehalten, daß angesichts der in Bewegung geratenen Lohn-Preis-Spirale das „Substanzdenken“ wieder mehr Gewicht erhalten und zu einer Bevorzugung entsprechender Papiere, führen wird. Vorerst drückt sich die Vermögenssicherung durch Substanz in einer leichten Nachfrage nach Goldmünzen aus, die zu einem Preisanstieg für das goldene 20-Mark-Stück um etwa 1 DM auf 38 1/2 DM führte. Wie wenig beunruhigend man allerdings die währungspolitische Situation im ganzen beurteilt, zeigt die unveränderte Stabilität des Rentenmarktes, der zwar nicht mehr allein von der Käuferseite bestimmt wird, wo die Verkäufe aber allein aus Geldbeschaffungs- und rein markttechnischen Gründen vorgenommen werden.

Die Hauptaufmerksamkeit beanspruchte der Montanmarkt, auf dem einzelne Papiere in Bewegung geraten sind. Das gilt insbesondere für die drei Produktionsgesellschaften der GHH-Gruppe: GHH-Nürnberg (259–270 v. H.), Bergbau Neue Hoffnung (15 1/2–157) und Hüttenwerk Oberhausen (157 1/2 –17072). Die Ursache für diese Aufwärtsbewegung liegt in den Rekonzentrationsbestrebungen, und man hofft, in Kürze den endgültigen Plan für den Wiederzusammenschluß erfahren zu können. Wie immer in solcher Lage, blühen die Gerüchte, die ihrerseits die Kurse treiben. Von der Verwaltung ist zu den verschiedenen kolportierten Versionen noch nicht Stellung genommen worden. Dieses Schweigen führte am Wochenende zu einigen Gewinnrealisationen. In den Nachfolgegesellschaften des Stahlvereins, bei denen vornehmlich Thyssen-Interessen bestehen, waren die Börsengeschäfte rückläufig. Dagegen gab es größere Umsätze in den Papieren der Gelsenkirchener Bergwerks AG, die ihren Abschluß veröffentlichte, der die auf 6 v. H. gehenden Dividendenhoffnungen bestätigte. Die mit Befriedigung aufgenommenen Zahlen waren der Anlaß zu einer kräftigen Kurserholung, die um so mehr ins Gewicht fällt, als das Kapital recht breit gestreut ist und zumindest bis vor kurzem immer noch Beträge, die aus Verkaufsauflagen stammten, in den Markt geschleust werden mußten. Der Kurs stieg von 1637 1/2 auf 168 1/4 v. H. Fast gleichzeitig mit der Abschlußveröffentlichung wurde die Einigung der Gelsenkirchener Bergwerks AG mit dem Bremer Kaufmann Krages in Sachen Zeche Erin bekanntgegeben. Ohne hier noch einmal auf die Einzelheiten des abgeschlossenen Abkommens einzugehen, sei hier auf die Reaktion verwiesen, die zu einem Kurssturz von 630 auf zunächst 350 führte. Weil man glaubt, daß den freien Aktionären das Angebot gemacht wird, ihre Erin-Aktien im Verhältnis 1:3 gegen Gelsen-Aktien umzutauschen, stieg der Kurs wieder auf 410 v. H. Die Kursbewegung war eine Lehre für alle jene Erin-Aktionäre, die sich nicht rechtzeitig von ihrem Besitz gelöst hatten. Bei Kampfkursen sollten sich die soliden Anleger rechtzeitig aus dem Staube machen. Sie ersparen sich dann viel Ärger. Davon wissen auch die Cassella-Aktionäre ein Lied zu singen. Hier erreichte vor einigen Monaten der Kurs die respektable Höhe von 505 v. H. und fiel plötzlich um runde 200 Punkte zurück. Es ist nur wenigen beschieden, zum höchsten Kurs zu verkaufen und zum niedrigsten Kurs zu kaufen. Rothschild behauptete von sich, reich geworden zu sein, weil er niemals zum höchsten Kurs verkauft und zum niedrigsten Kurs abgestoßen hat. Er hielt mehr von dem goldenen Mittelweg,

Recht aufschlußreich waren die Kurse der Bezugsrechte bei Feldmühle (51–55) und bei Zellstoff Waldhof (5–5 1/2Die Feldmühle-Bezüge lagen an jedem Tag über der rechnerischen Parität. Die Nachfrage wird in Börsenkreisen auf Mehrheitskäufe zurückgeführt, die bereits bei den Aktien sei langem spürbar wurden und die sich bei den Bezugsrechten fortsetzten. Ganz anders liegt der Fall bei Zellstoff Waldhof. Allein schon der aus dem Rahmen fallende Bezugskurs von 130 v. H. bei einem Aktienkurs von 167 v. H. zeigt, daß man nicht in der Lage war, dem Altaktionär mit dem Bezugsrecht „ein Geschenk“ zu machen. Die Börse quittierte diese Haltung mit einem Bezugsrechtkurs, der relativ weit unter der rechnerischen Parität lag.

Die IG – Farben-Nachfolger lagen in der letzten Tagen – abgesehen von vorübergehenden Gewinnrealsationen – überwiegend freundlich. Bei den Bankennachfolgen ist die Aufwärtsbewegung jetzt zum Stehen gekommen. Dagegen ging sie bei einer Reihe von Regionalinstituten, bei denen man in absehbarer Zeit eine Kapitalerhöhung erwartet, weiter. Papiere mit Ostcharakter fanden keine besondere Beachtung mehr. Die Gewinne bei der Schultheiß Brauerei, deren Stammaktien zwischen 225 und 214 schvankten, sind eine Folge der günstigen Ausstoßentwicklung, de alle Brauereien in diesem Sommer zu verzeichnen haben. Die Bestätigung der zweiten Kapitalerhöhung bei AEG hat, da sie nicht unerwartet kam, keine nennenswerte Reaktion mehr ausgelöst. übereinstimmend mit der festeren Aktienendenz wiesen auch die Zertifikate der Investmentgesellschat steigende Bewertungen auf; FONDRA 219 (plus 1 1/2), FONDAK 349 1/2 (plus 3) und FONDIS 137 3/4 (plus 1). –hdt.