dd. Wiesbaden, im September Vor knapp 1600 Jahren unternahmen die Römer von Mainz aus einen Streifzug in das von den Germanen eroberte Land um Wiesbaden. Sie wollten den Alemannenfürsten Makrian ausheben, der sich mit seinem Gefolge dort aufhielt. Es war ausdrücklich Befehl gegeben worden, sich leise anzuschleichen. Aber schon in Wiesbaden-Biebrich machten die Soldaten beim Häuserniederbrennen einen derartigen Lärm, daß Herzog Makrian das Kochbrunnen-Thermalbad am Wiesbadener Kranzplatz leicht bekleidet verließ und schleunigst in Richtung Taunus davonritt. Er kehrte in die Rhön zurück, ohne sein Rheuma auskuriert zu haben.

Darüber berichtet uns Ammianus Marcellinus im 17. Band seiner Erinnerungen. Er hat eine Szene beschrieben, die sich später noch öfter in den hessischen Heilbädern wiederholte: sobald Militär anrückte, verschwanden die Kurgäste fluchtartig. Es war daher auch nach 1945 sehr schwierig, den Badebetrieb in Schwung zu halten, zumal sich in der ganz schlechten Zeit auch viele Zimmermädchen von der Betreuung gichtiger Hotelbesucher auf die Babysitterei bei amerikanischen Familien oder in noch weniger zu billigender Weise umstellten.

In Wiesbaden war es das europäische Hauptquartier der amerikanischen Luftstreitkräfte mit 8000 Offizieren und Soldaten, in dem berühmten Herzbad Nauheim waren es immerhin einige tausend Amerikaner, die die Plätze der Kurgäste einnahmen. Nauheim ist jetzt wieder völlig entmilitarisiert, die „Weltkurstadt“ Wiesbaden dagegen kämpft noch immer um die Freigabe einiger Hotels. Aber ihr Herz, das Kurhaus, ist schon seit fast einem Jahr von den Amerikanern frei und wartet auf den Einzug der Spielbank.

Das sind nicht die einzigen Sorgen, die die hessischen Bäder – Bad Homburg, Schlangenbad, Bad Schwalbach, Bad Orb, Bad Salzschlirf, Bad Wildungen, Bad Vilbel, Bad Salzhausen, Bad König und die beiden Soden um nur einige zu nennen – gegenwärtig haben. Sie können sich nicht damit begnügen, den alten Zustand wiederherzustellen, sie müssen Neues schaffen. So baut Wiesbaden mit acht Millionen Aufwand eine Kongreßhalle. Tagungen müssen herangezogen werden, Behörden und Verbände sollen sich ansiedeln; man weiß, daß hier – im Gegensatz zu kleineren Orten wie Bad Nauheim – der Kurgast, der wirklich drei bis vier Wochen bleibt und sein Leiden kuriert, die Ausnahme ist und bleiben wird. An seine Stelle rückt der Fremde, der nur ein paar Stunden oder nur wenige Tage verweilt. Der Fremdenverkehr ist wichtiger als die Kur. Es gilt nun, sich umzustellen, und diese Umstellung erfordert Investitionen.

Einige große Hotels, die in Bad Nauheim von den Amerikanern geräumt wurden, sollen nicht mehr in Privatbesitz zurückkehren, sondern öffentlichen Betrieben zufallen, die sie mit Sozialversicherten füllen werden. Die Stadtverwaltung fürchtet, daß auf diese Weise der Kurbetrieb alten Stils noch mehr zurückgedrängt wird, daß Steuerausfälle eintreten und daß dann die Stadt nicht mehr in der Lage sein werde, den Charakter des Bades zu erhalten. Diese Sorgen haben in einem Antrage der FDP-Fraktion im Landtag Niederschlag gefunden.

Die CDU hat fast gleichzeitig beantragt, den Bädern dadurch zu helfen, daß bei der Berechnung der sogenannten Schlüsselzuweisungen des Staates an die Gemeinden künftig nicht von der Nero-Einwohnerzahl ausgegangen, sondern die Hälfte der durchschnittlichen Gästezahl hinzugerechnet werde. Wenn diese Maßnahme auf die Staatsbäder beschränkt bliebe, würden nur wenige davon profitieren. Es ist aber klar, daß auch die nicht in Staatsregie arbeitenden Bade- und Erholungsorte sehr bald die gleiche Forderung erheben werden. Sie die führen ins Feld, daß eine 10 000-Einwohrer-Gemeinde, in der noch zusätzlich 5000 Meroder Erholung suchen, eben auch 50 Prozent mehr Polizeibeamte anstellen, mehr Straßenlaternen errichten und mehr Parkplätze anlegen muß als eine gleich große Gemeinde ohne Fremdenverkehr. Selbstverständlich würde dieser neue Bäderfinaizausgleich noch viel Kopfzerbrechen machen.

Die Millionäre aus dem In- und Auslande, von deren Gunst und deren Stiftungen und von deren Honoraren und Trinkgeldern früher eine Stadt wie Wiesbaden mindestens mehr profitierte als von der Hundesteuer, sind heute recht selten geworden. Und für sie gilt es erst recht, daß ihr Aufenthalt in der Stadt eher vier Stunden dauern wird als vier Wochen. Von Zeit zu Zeit promeniert noch einmal ein indischer Radscha, ein mexikanischer Goldminenbesitzer oder ein arabischer Prinz über die Wilhelmstraße, die Prachtstraße der Landeshauptstadt. Das wird dann dankbar in der Klatschspalte der Lokalzeitungen erwähnt. Noch sprudeln die Quellen wie vor zweitausend Jahren, noch zählen die Kurgärten der hessischen Bäder wie vor hundert Jahren zu den schönsten Flecken dieser Erde. Aber die Menschen sehen sich an ihnen nicht mehr gesund, ihre Augen suchen nur das graue Band der Autobahn, immer wieder, ohne sich sattzusehen. Nur jene, die entschlossen sind, diese Manie auszukurieren, bevölkern die Kurhäuser ...