Zur Einbürgerung Lorcas auf den deutschen Bühnen

Von Johannes JacoM

Den Namen nach war es eine Legion, die an deutschen Theaterbesuchern von 1946 bis heute vorbeimarschierte, eine Fremdenlegion. Wir tauften die Parade unseren „Nachholkursus“. Wir mußten, wir wollten sie kennenlernen, die Autoren von draußen, die „Welttheater“ gespielt hatten, während wir Autarkie exerzierten. Was aber bleibt? Nach Hölderlins Meinung stiften es die Dichter. Waren denn keine darunter? Die Frage entsteht beim Blick auf unsere deutschen Theaterspielpläne. „Novitäten“ heißt der Schrei einer Avantgarde auch heute noch. Aber ihre Novitäten bleiben Singularitäten – einmal und nicht wieder. Gewiß, von Wilder, Eliot und O’Neill, von Giraudoux und Anouilh ist das dramatische Gesamtwerk nahezu vollständig in Deutschland gespielt worden, hier und da, an verteilten Orten. Wer herumfährt, hat es im Blick. Wer aber zu Hause bleibt, was das Normale ist, hat Glück, wenn er vom „Welttheater“ der Gegenwart die eine oder andere Kostprobe, zu schmecken bekommt. Daß er auch im Stadttheater zweimal Eliot und dreimal Christoph er Fry begegnet – verschiedenen Werken natürlich, verteilt auf ein Jahrzehnt – das sieht einer Einbürgerung solcher Dichter schon ähnlich. Was aber fehlt, das ist die Reprise. Sie erst ist der Dauerausweis eines Autors im deutschen Repertoiretheater. Die letzten, die ihn besaßen, waren Ibsen, Hauptmann und – in schüchternem Abstand – Wedekind. Das hat seine Gründe. Ein Dramatiker muß verstanden, muß aus richtigem Begreifen auch richtig interpretiert werden, sonst bleibt er nur „interessant“, ein Gesprächsstoff wie die Eintagsfliege eines Films.

Für einen von jenen, die uns zuwehten, hat seit kurzem ein Verlag die Textbasis geschaffen. Es ist

Federico García Lorca: Die dramatischen Dichtungen. Deutsch von Enrique Beck. 1954 im Insel-Verlag. Ln. 24,– DM.

Sieben von den acht erhaltenen Stücken, die Lorcas dramatisches Lebenswerk ausmachen, sind inzwischen auf deutschen Bühnen vorgestellt worden. Das vierte, „Sobald fünf Jahre vergehen“, ist für die beginnende Spielzeit angekündigt. Was aber bedeutet schon statistische Vollständigkeit? Man kann sich über einen Dichter, ist er eigengewachsen wie Lorca, nicht lediglich „informieren“. Seine Übersiedlung aus dem spanischen Mutterboden in einen rational entlegenen Verständigungsbereich, also nach Deutschland, fordert vom Zuschauer wie vom Theater Mühe, Redlichkeit und Geduld. Dafür bietet die deutsche Bühnengeschichte einiger Hauptwerke erlebte Beispiele.

1947 wurde der erste Lorca in Deutschland, wurde seine „Bluthochzeit“ vom Stuttgarter Staatstheater aufgeführt. Kurt Hirschfeld, der Züricher Dramaturg, hatte seinem Freunde K. H. Ruppel in einem Koffer voll Manuskripten, von denen das Züricher Schauspielhaus seine stellvertretende Prominenz im deutschen Sprachraum hergeleitet hatte, auch Lorca mitgebracht. Ruppel, damals Schauspieldirektor in Stuttgart, ließ die „Bluthochzeit“ spielen. Auf mich wirkte jene Premiere wie heute manche Zimmertheater-Novitäten: neu um jeden Preis. Hermine Körner, die große Tragödin, hatte die „Bluthochzeit“ inszeniert. Die Körner inszenierte sich selbst als eine überdimensionale, den Rahmen sprengende „Mutter“. Neben ihr gab es noch eine „Körner die kleinere“, Gisela Uhlen, „die Braut“. Rund um dieses Frauenduo – Charakterdrama mochte sich die Regisseurin vorgestellt haben – hörte man lyrische Gedichte sprechen. Ihr Klang ließ in der weichen, betont poetisierenden Sprachform Enrique Becks aufhorchen. Mit Drama oder Theater schien das aber ebensowenig gemein zu haben wie einige, symbolisch gemeinte, surrealistisch angelegte Szenen. Der Mond ging als Mensch, der Tod als Bettlerin über die Bühne. Holzfäller schienen die Handlung zu kommentieren.