Von Günther Dahl und Eberhard Seeliger

Die Tschechoslowakei mit dem Sudetenland hat sich nach langen Jahren zum ersten Male wieder deutschen Berichterstattern geöffnet. Mißtrauen herrscht noch auf beiden Seiten, und wahr ist, daß die Begegnung mit Städten wie Theresienstadt und Aussig den Alpdruck erneuern kann: Einst Orte ungeheurer Naziverbrechen, dann Schauplätze, auf denen die Deutschen gemartert wurden. Läßt sich das eine und andere vergessen? Zehn Jahre danach beginnt die Welt, den alten Haß abzubauen. Was not tut, ist neue Begegnung und objektives Feststellen dessen, was heute ist.

Prag, Anfang September

Die roten Sterne sind einsame Gestirne am nächtlichen Himmel über der Moldau, und die Menschen, mit denen wir ins Gespräch kamen – die Anonymen, die Nicht-Funktionäre, die Prager also schlechthin – sie glauben, daß es keine Fixsterne sind. „Wir taugen nicht für den Kommunismus“, hielt uns ein Gasableser entgegen, in einem Automatenrestaurant am Wenzelsplatz, wo wir einen Kaffee tranken, am gleichen Tisch mit diesem müden Alten, der seit 38 Jahren die Treppen hinauf- und hinabsteigt. „Guter Herr“, sagte er mit listigem Blick, und blickte in die Umgebung, obgleich da niemand war, der unsere Unterhaltung abgehört hätte, „die Mode und das Parfüm kommen doch aus Paris und nicht aus Moskau. Wenn wir das nicht wüßten ...“

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Der Wenzelsplatz am Nachmittag um fünf ist aufregend, weil man beinahe erdrückt wird. Aber das ist nicht die hastige Jagd vom Büro, von der Fabrik oder vom Ladentisch weg nach Hause, wie man sie in deutschen Großstädten sieht. Das ist ein großes, beschwingtes Flanieren, ein Korso auf breiter Promenade.

Es ist mehr als weibliche Erfindungsgabe, aus einem Stück Stoff ein modisches Attribut zu zaubern. Auf dem Wenzelsplatz und am Graben sahen wir ausgesprochen elegante Frauen, gut angezogen und mit viel westlichem Flair umgeben. Sehr amüsant, zu vermerken: Diese Dame dort empfängt Pakete aus Amerika, jener Herr ebenfalls; solche Kinderkleider gibt es nur in Wien, solche Spielhöschen nur in London, und diese Handtasche da kommt direkt aus Paris. Nylonstrümpfe übrigens kosten 38 Kronen. Das ist viel, sehr viel Geld, wenn „man“ nur 1000 Kronen im Monat verdient, etwa 20 Prozent davon an Steuern abgibt und 7150 Kronen braucht, um ein Wohnzimmer zu kaufen, 600 Kronen für einen Sakko, 1200 für ein Fahrrad und 1150 für eine Nähmaschine. So ist das also, und wenn man dann sieht, daß die Frauen sich schön machen (und dabei schön sind), und daß die Bügelfalte im Hosenbein mit Akuratesse behandelt wird – dann glaubt man es gern: Hier will der Mann ein Herr bleiben und nicht Genosse werden, und die „gnädige Frau“ dominiert über der Genossin.