Der Burgfrieden in Argentinien ist beendet, die Tyrannis marschiert. Niemand wird behaupten, daß die Praktiken von Diktatoren sehr variabel sind. Auch Staatschef Peron bildet keine Ausnahme von der Regel. Sein jüngster Coup, Denission als Mittel zur Festigung der ins Wanken geratenen Machtposition und, nachdem der Zweck erreicht ist, schärfste Gewaltandrohung, sind bewährte Mittel, die immer zum Erfolg führen, zunächst wenigstens. Schon einmal wandte Peron dieses Rezept an, als am 28. September 1951 der konservativ; General Benjamin Menendez auf die Hauptstadt Buenos Aires marschierte. Die Armee hatte sich geweigert, Evita Peron als Vizepräsidentin des Landes anzuerkennen. Die Revolte wurde niedergeschlagen, und Peron schwur, nachdem er zuvor seinen Rücktritt angeboten hatte, allen Verrätern Rache und Vergeltung. Die im Frühjahr darauf folgenden Wahlen bestätigten ihn mit überwältigender Mehrheit in seinem Amt als Präsident. Das war in jener glanzvollen Epoche, die am 17. Oktober 1945 mit der Befreiung des von der Militärregierung Avalos verhafteten Obersten Juan Domingo Percn durch die Arbeiter ihren Anfang nahm und in deren Verlauf er dann rasch zum Volksheros wurde

Zuerst sah alles ziemlich harmlos aus. Der neue Staat, an seiner Spitze Peron und seine treue Helferin Evita, die den Posten des Arbeitsministers bekleidete, begann mit einer Fülle von Reformen und sozialen Hilfsaktionen zugunsten der Descamisados, der „Hemdlosen“. Seine Anhängerschaft wuchs mit jedem Tag. Die Umbildung der Gewerkschaften – bald treueste Stütze des Regimes –, die Besetzung wichtiger Ämter mit Parteifunktionären, bessere Besoldung des Militärs und eine noch sanfte Gewaltanwendung bei der Beseitigung lästiger Gegner wurden begleitet von einer Propaganda, die alle Schwierigkeiten wirtschaftlicher und finanzieller Natur übertönte; Die zum Regieren nötigen Mittel beschaffte Peron sich durch Enteignung oder Konfiszierung, von Gütern und Konten ins Ausland geflüchteter Oppositioneller. Kennzeichnend für die neue Ära innerer und äußerer Expansionsbestrebungen war, vor allem Perons Fünf jahresplan, der die Aufgabe hatte, das Land vom reinen Agrar- und Rohstoffproduzenten in einen modernen Industriestaat umzuwandeln. Peron wünschte Unabhängigkeit, Befreiung vom fremden, hauptiächlich nordamerikanischen Kapital und Handelsaustausch mit den Nachbarländern Chile, Bolivien, und Paraguay, die seinen Anregungen großes Verständnis entgegenbrachten. Sein Haß gegen die Yankees war grenzenlos. Er steigerte sich zu Exzessen, als die Regierung in Washington die Ausfuhr dringend benötigter Gebrauchsgüter, wie Maschinen und Gerätschaften der Erdölförderung, nach Argentinien verbot. Peron spielte mit dem Gedanken, sie aus der Sowjetunion zu beziehen.

Im Juli 1952 starb Evita. Sehr bald schon, nachdem die überwältigenden Trauerfeierlichkeiten zu Ende waren, zeigten sich die ersten merklichen Risse im Gemäuer des Staates. Die Industrialisierung erwies sich als Fehlschlag. Weder gelang es, den Plan wirksam in Gang zu bringen noch die Produkte im Ausland abzusetzen, weil die Gestehungskosten zu hoch lagen und die Preise der europäischen und nordamerikanischen Importwaren erheblich überschritten. Die Inflation wuchs. Die hohen Löhne der in die Großstädte abgewanderten ehemaligen Landarbeiter bewirkten ein ständiges Ansteigen der Lebenshaltungskosten. Hinzu kamen drei aufeinanderfolgende Mißernten. Argentinien, das Land des Weizens, mußte sein Getreide vom Ausland beziehen. Zum erstenmal entstanden Unruhen innerhalb der Arbeiterschaft. Peron schien mit seiner Weisheit am Ende. Doch da traten einige Umstände, ein, die ihn wieder flottmachten. Der erste davon war die neue, diesmal überreiche Ernte, der zweite die Besserung der Beziehungen zu Nordamerika, sanktioniert durch den Besuch Dr. Milton Eisenhowers in Buenos Aires, der das Embargo aufhob und somit auch den Handel wieder normalisierte.

Dieser Zustand von Ruhe und Frieden sollte jedoch nicht lange dauern. Eine immer schwieriger sich gestaltende Finanzierung der staatlichen Wirtschaft und Verwaltung suchte nach Auswegen, die den von Peron zum Prinzip erhobenen nationalen Interessen zuwider liefen. „Peron muß die Inflation um jeden Preis stoppen. Er bietet als Sicherheit sein Petroleum an. Um den antiamerikanischen Komplex, den er selbst gezüchtet hat, in andere Bahnen zu lenken, bricht er den Streit gegen die katholische Kirche vom Zaun“, schrieb ein nordamerikanisches Blatt. Im Jahre 1954 kam es zu den ersten kirchenfeindlichen Kundgebungen, und ein Jahr darauf beschloß das Abgeordnetenhaus mit 121 Stimmen der Peronisten gegen 12 der radikalen Opposition das Gesetz der Trennung von Staat und Kirche.

Eine neue Phase begann, die sich auf Argentinien unheilvoll auswirken sollte und deren Ende heute noch nicht abzusehen ist. Sie wird gekennzeichnet durch den mißglückten Putschversuch der Marine, durch Perons Exkommunizierung und durch die blutigen Ereignisse des 16. Juni, bei denen Gotteshäuser in Flammen aufgingen und nahezu tausend Menschen ums Leben kamen. Peron gab klein bei. Auf welche Motive sein Entschluß zurückzuführen war, künftig auf die Mitarbeit von Partei und Gewerkschaften zu verzichten und nur noch die Rolle eines Pater patriae zu spielen, weiß niemand außer den Nächstbeteiligten. Psychologisch allein läßt sich dieser Wandel nicht erklären, ebensowenig wie sich der letzte Schritt erklären läßt, der einem Verzweiflungscoup fast ähnlicher sieht als einem geplanten Theatereffekt. Glaubt Peron wirklich, sich vor seinen Gegnern retten zu können, indem er sich in die Arme derer flüchtet, die er vor kurzem erst ihrer Machtstellungen beraubte? Hier versagt jede Prognose. Sie scheitert an der Inkonsequenz eines Mannes, der zeit seiner Herrschaft dem Opportunismus gehuldigt hat und der nun diesen Opportunismus bis zum äußersten treibt. Schwer begreiflich schon – sein Kampf gegen die Kirche als Präsident eines Landes, das zu 90 Prozent katholisch ist. Vielleicht zeigten sich hier bereits-die ersten Symptome eines manischen Größenwahns, der jetzt in der Aufforderung zum Mord gipfelte.

Worauf vertraut Peron? Die Tatsache allein, daß im Augenblick die Opposition geschlagen, in sich gespalten und von Furcht erfüllt ist, bietet in Südamerika noch keine Gewähr für Sicherheit. Sowohl in den einzelnen Parteien wie vor allem unter den katholischen Nationalisten gibt es Kräfte, die handeln werden, wenn es an der Zeit ist. Es gibt sie auch in der Wehrmacht, deren Stellungnahme völlig im dunkeln liegt. Werden Heer, Luftwaffe und Marine es zulassen, daß Partei und Gewerkschaften jetzt am Volk Rache üben? Über Argentinien ist zur Zeit der Belagerungszustand verhängt. Die bürgerlichen Rechte sind aufgehoben. Das bedeutet: Jedermann kann als verdächtig festgenommen werden, Haussuchungen sind zu jeder Stunde erlaubt. Peron ist im Besitz der absoluten Macht. Wird er sie seinen Drohungen gemäß anwenden, wird er sie auf lange Zeit hinaus halten können? Die Geschichte der Diktaturen lehrt – mit einer Ausnahme – das Gegenteil; auch die Vergangenheit Argentiniens, wo schon einmal, im Jahre 1877, die Diktatur Rosas scheiterte. Es existieren da manche Parallelen, die zu denken geben. Peron vollendet am 8. Oktober sein sechzigstes Lebensjahr. In zwei weiteren Jahren schließt seine Legislaturperiode. Vielleicht überlebt er sie. Als Diktator oder, wie sein Vorgänger Rosas, im Exil.

Heinz Hell