Schulbuch formt das Weltbild–Geschichtslehrer tagten in Braunschweig

Von Peter Johannsen

Der Wunsch nach einem entgifteten Geschichtsunterricht hat die „Umerziehungsexperimente“ der ersten Nachkriegszeit in eine neue positive Richtung gelenkt. Nach dem Grundsatz: „Wir alle sind Sünder“ sind Historiker und Geschichtspädagogen aus allen Ländern darangegangen, die Geschichtsbücher von nationalistischen und chauvinistischen Auswüchsen zu säubern. Schwedische Schüler nennen den Eroberer Stockholms, den Dänenkönig Christian, nicht mehr „Christian, den Tyrannen“, und auch die Frage, ob der erste deutsche Kaiser Charlemagne hieß und in Wahrheit ein Franzose war, wird in Zukunft geklärt werden. In Deutschland gibt es ein internationales Schulbuch-Institut. Sein gegenwärtiger Sitz ist die Kant-Hochschule in Braunschweig. 19 Tagungen wurden hier schon mit ausländischen Historikern veranstaltet. Japan und Indien waren zu Gast. Engländer als erste, dann die Franzosen, Italiener und Belgier stimmten hier ihre Geschichtsauffassungen mit deutschen Historikern ab. Die Amerikaner sind jetzt zum zweitenmal da. Seit der ersten Konferenz mit ihnen sind nachweislich schon viele Schulbücher korrigiert worden. Den Grundstein zu diesem Werk haben die deutschen Volksschullehrer gelegt. Ihre Organisation gab Professor Dr. Georg Eckert die nötigen Mittel, mit den ausländischen Geschichtslehrern ins Gespräch zu kommen. So entstand als eine Art „Freiwilliger Selbstkontrolle“ der Historiker das genannte Institut in Braunschweig.

Die vielen in Amerika seßhaft gewordenen Engländer nahmen aus Landhunger den Indianern Boden weg. Die Indianer verbündeten sich mit den weniger zahlreichen handeltreibenden Franzosen, lieferten ihnen Pelze und wurden dafür mit Waren versorgt.“ Ja, ist denn das nicht „Lederstrumpf“ in der Hochschule? Wir sind in Braunschweig in eine Redaktionskonferenz deutscher und amerikanischer Historiker geraten. Der Knaben-„Knüller“ wird als Geschichtsquelle ausgebeutet. Ernsthafte Männer zerbrechen sich den Kopf darüber: drei amerikanische Universitätsprofessoren aus Wisconsin mit dem Bonner USA-Kulturattache, Professor Easum, als diplomatischer Prominenz, einer, ein Negerprofessor, von der Howard-Universität in Washington, dazu deutsche Professoren und Geschichtsdozenten aus Berlin und München, aus Hamburg, Marburg, Kiel, Göttingen und Braunschweig. Sie wägen für einen Entwurf das einzelne Wort. Er soll deutschen Volksschullehrern in die Hand gegeben werden. 90 v. H. aller Deutschen absolvieren die Volksschule. Was dort als Wissen vermittelt wird, das bestimmt die Weltanschauung eines Volkes. Dazu gehört nach Meinung der deutschen Pädagogen ein haftendes und das heißt ein möglichst plastisches, aber auch ein richtiges Bild vom Werden der amerikanischen Weltmacht.

Wie schwierig war es nach dem ersten Weltkrieg, die Schuldfrage in einem historischen Zusammenhang, das heißt gerecht, zu ermitteln. Die Wissenschaft war noch abhängig von der nationalen Propaganda. 1951 aber erarbeitete Professor Eckerts Institut mit französischen Historikern in Paris und Mainz mehr als zwei Dutzend für den Unterricht verbindliche Thesen. Darunter diese: „Die Dokumente erlauben es nicht, im Jahre 1914 irgendeiner Regierung oder einem Volke den bewußten Willen zu einem europäischen Kriege zuzuschreiben.“ Sogar für den Bruch der belgischen Neutralität durch Deutschland wurde zwischen deutschen und belgischen Historikern in Braunschweig eine sachliche Formel gefunden. Als das Übereinkommen in der belgischen Presse veröffentlicht wurde, gab es einen Sturm auf den Titelseiten der Zeitungen. Erst als die belgische Delegation aus Braunschweig zurückkam, als man erkannte: hier hatten Wissenschaftler aller Volksteile, aller Konfessionen und Parteien um die Wahrheit gerungen, und als die belgischen Wissenschaftler selbst, ihren Landsleuten den Segen der wechselseitigen Selbstkontrolle erklärten, da schlug die Resonanz ins Gegenteil um: eine echte Versöhnung. Ähnliches geschah in der Aussprache mit Italienern, Jugoslawen, ja auch aus Israel waren schon Wissenschaftler da.

Die Chance der Stunde Null

Solche Wirkungen eines freien westdeutschen Hochschulinstituts müssen auch die SED-Funktionäre mundtot machen. Sie haben behauptet, in Braunschweig werde eine EVG-Ideologie der Historiker geprägt. Aber jeder Teilnehmer an diesen Konferenzen legt Wert auf die Feststellung, daß er von niemandem entsandt ist und in keinem anderen Auftrag handelt als im eigenen: erkannte Wahrheit als Wissenschaftler zu verbreiten. Inzwischen reicht der Radius des Braunschweiger Instituts bis nach Asien. Dort ist die Kolonialzeit beendet. Mit der Befreiung beginnt die Besinnung. Bisher bezog Indien seine Lehrbücher aus Oxford. Inzwischen legten indische Historiker die Koordinaten ihrer künftigen Weltbetrachtung in Braunschweig mit deutschen Historikern fest. Und Japan revanchierte sich für zwei Konferenzen mit einem Leitfaden der japanischen Geschichte für Deutsche. In Bagdad ist das Bildungswesen des Irak von einem einzigen Manne abhängig, und der ist in persönlicher Freundschaft und ständigem Gedankenaustausch mit Deutschland mit dem Braunschweiger Schulbuch-Institut verbunden.