Von C.A. van Dam

Über nichts ist mehr Unfug und Unrichtiges gesagt und geschrieben worden, als über den Menschen. In der 1493 erschienenen Weltchronik von Schedel kann man lesen, daß in Indien Menschen leben, die nur ein Auge in der Stirn haben; andere sollen Hundeköpfe auf den Schultern tragen und sich nur bellend verständigen. In der jüngst vergangenen Epoche der „arischen Superrasse“ ist genauso viel Unsinn verbreitet worden, wie in alten Zeiten von den des Lesens und Schreibens unkundigen Seeleuten über die „minderwertigen“ Rassen. Der Weiße lebt noch heute vielfach in Dünkel seiner Selbstherrlichkeit. Man frage einmal nur seine Mitbürger, was sie von den Indianern, Negern oder von den ostasiatischen Völkern halten. Die Antworten wären amüsant, wenn diese Meinungen nicht die Grundlage zu Auffassungen bilden würden, die nicht gerade das friedliche Einvernehmen auf unserer kleinen Welt fördern. Von europäischer Selbstkritik aber zeugt eine in Leiden (Holland) veranstaltete Ausstellung.

Die Farbigen haben den Weißen immer nüchtern gesehen: Die Ausstellung des Reichsmuseums für Völkerkunde in Leiden gibt Auskunft darüber. Die Schau der Plastiken, Zeichnungen, Schnitzereien trägt den Titel: „So sehen sie uns.“ Die Farbigen halten uns einen wenig schmeichelhaften Spiegel vor.

In den ersten Jahren nach dem letzten Krieg stieß der Direktor des Leidener Völkerkundemuseums auf ein Buch, das kurz vor dem Kriege in das Museum gelangt war und den Titel trug: „The Savage hits back“, der Wilde schlägt zurück. Er las es und war tief beeindruckt, denn dieses Buch von dem ehemaligen Frankfurter Professor Julius Lips war eine neue Ethnologie, eine Betrachtung der Völker durch die Brille der anderen. Es war Ende 1937 in New York erschienen, und nur die folgenden politischen Ereignisse verhinderten, daß es Aufsehen erregte. Professor Lips hatte seine Professur in Frankfurt niederlegen müssen. Er war schwer angegriffen worden, weil er „die arische Rasse durch von barbarischen und geisteskranken Wilden angefertigte Bildwerke verspottete“. Einige Stunden vor seiner Verhaftung konnte Julius Lips nach Paris entkommen, von wo er ein Jahr später an die Columbia-Universität nach New York ging. Sein Buch ist eine Solidaritätserklärung an die Unterdrückten. In Deutschland ist es so gut wie unbekannt. Durch dieses Buch beeinflußt, begann das Leidener Museum mit den Vorbereitungen für die Ausstellung.

Der Weiße hat zwangsläufig bei allen Farbigen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Wie denken sie über uns? Wie denken sie überhaupt? Es gibt interessante Beispiele dafür: Der Londoner Hochschullehrer Malinowski traf einmal in Britisch-Borneo einen alten Kannibalen, der ihn über den Krieg in Europa ausfragte. Die Frage, die ihn am meisten interessierte, war die, wie die riesigen Mengen Menschenfleisch aufgegessen werden konnten. Malinowski erklärte ihm, daß die Weißen ihre getöteten Feinde nicht verzehren, worauf ihn der Kannibale entsetzt ansah und sagte: „Was seid ihr nur für Barbaren, Menschen ohne triftigen Grund zu töten!“ Der Weiße taucht auch in Redensarten und Sprichwörtern der Eingeborenen auf. Wenn man im Kongogebiet sagen will, daß der andere nicht die Wahrheit sagt, heißt es „Das hat dir sicher ein Europäer erzählt“. Die Kamerunneger haben ein Wort geprägt, das den ganzen Zweifel und die Bitternis gegen die Weißen ausdrückt: „Wenn ich gestorben bin, setzt mir bitte einen Hut auf den Kopf, damit man im Himmel denkt, ich sei ein Europäer.“ In der Ausstellung sieht man die Plastik des englischen Kolonialsoldaten, der wie ein weißer, von seinen Vorgesetzten gelenkter Roboter vor uns steht und von dem man nicht einen Funken Verständnis erwarten kann. Es gibt grausige Malereien von den Eroberungen der Weißen, es gibt Sinnbilder seines Lebens: sich von anderen bedienen lassen und leben wie ein Gott auf dieser Welt. Erfreulich wenigstens, daß es hauptsächlich vergangene Zustände und Geschehnisse sind, die wir zu sehen bekommen. Zu Tausenden haben Menschen weißer Hautfarbe die Ausstellung besucht und haben sie verlassen mit dem Gefühl der Beschämung. Vielleicht kann dieselbe Schau später einmal durch die Städte der Weißen reisen mit dem freundlicheren Titel für die gerade lebende Generation: „So sahen sie uns.“

Aus dem Holländischen übertragen von Donald Ahrens