Spanien leidet unter einem internationalen Ressentiment, das ein halbes Jahrtausend hindurch immer neue Nahrung erhielt in den Augen von Menschen, die ihr Urteil auf unrichtigen Vorstellungen aufbauten. „Heute besonders liegt ein Vorhang von Mißverständnissen und Vorurteilen über Spanien, der dichter ist als je zuvor.“ So heißt es im Klappentext eines umfangreichen Buches, betitelt

„Spanien – Mythos und Wirklichkeit“ von R. Pattee und A. M. Rothbauer. Verlag Styria, Graz. 600 Seiten. 27,80 DM.

Das Werk von R. Pattee erschien ursprünglich in Nordamerika und wurde danach erst durch den Österreicher A. M. Rothbauer für die deutsche Ausgabe bearbeitet und erweitert. Beide Autoren sind Kenner Spaniens aus eigener Anschauung und – diese Tatsache darf im Hinblick auf den Inhalt nicht unerwähnt bleiben – katholischer Religion. Ihre Standpunkte weichen mitunter erheblich ab von der landläufigen Norm der Touristen, die heutzutage zu Tausenden die iberische Halbinsel überschwemmen und von denen viele glauben, genügend Anzeichen dafür bemerkt zu haben, daß es sich bei Spanien um ein faschistisches Land handelt. Die Verfasser wollen es anders wissen. Ihre Aussage fußt auf historischer Grundlage. „Die feindselige Haltung gegenüber dem Franco-Regime unterscheidet sich kaum von jener, der Karl V., Philipp II. oder andere spanische Herrscher begegneten. Es ist die gleiche, halsstarrige Weigerung, Spanien mit spanischen Maßstäben messen zu wollen. Nur aus der Tiefe der spanischen Seele heraus sind Einrichtungen und Ereignisse dort zu begreifen.“

Damit ist nicht gesagt, daß eine bewußt subjektive Haltung oder Parteinahme vorherrscht. Derartiges scheidet wohl aus. Selbstverständlich ist eine fundierte Behandlung kirchlicher und religiöser Dinge schlechthin. „Spanien ist eine Nation, die durch die Kirche geformt wurde.“ Dieser Ausspruch von Donoso Cortes (der schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts genau wie sein französischer Zeitgenosse Alexis de Tocqueville die russische Gefahr für Europa klar erkannte) zieht sich gewissermaßen als Leitfaden durch alle Vorgänge vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Kaum ein Problem in der langen Geschichte Spaniens bleibt in dem Buch unberücksichtigt. Das gilt besonders für die Neuzeit, für jene Epoche, die mit der zweiten Republik beginnt und die Francos Aufstieg zur Macht kennzeichnet. Es ist anzunehmen, daß beide Verfasser als in Nordamerika und in Österreich beamtete Universitätslehrer Antikommunisten und Antifaschisten sind. Wenn also das solange verdächtigte Franco-Regime von ihnen positiv gewertet wird, so bedarf es hierzu schon einer Begründung. Sie wird erbracht mittels eines umfangreichen Materials.

Daraus möge nur Winston Churchill zitiert sein, der am 25. Mai 1944 in einer Unterhausrede sagte: „Es besteht kein Zweifel darüber, daß unsere Last noch viel größer gewesen wäre, hätte Spanien den deutschen Schmeicheleien oder ihren Drohungen nachgegeben. Ich erkläre hier, immer daran denken zu wollen, daß uns Spanien in dieser Zeit einen großen Dienst leistete, nicht nur dem Vereinigten Königreich und dem Britischen Empire und Commonwealth, sondern auch der Sache der Vereinten Nationen. Ich finde deshalb keinen Gefallen an jenen, die es für besonders klug halten, die spanische Regierung zu beleidigen und zu beschimpfen.“

Francos Kampf gegen den Kommunismus, seine Politik bis zur Rehabilitierung in den Augen der westlichen Großmächte beanspruchen ebenfalls breitesten Raum.

Über die vielgelästerte Falange heißt es: „General Franco war zu Beginn des Bürgerkrieges kein Falangist; seit dem Siege war die Falange vom Staat abhängig und nicht umgekehrt, und je mehr sich das Gefüge des neuen Staates befestigte, desto weniger Einfluß kam der Falange zu. Es gibt sehr viele Spanier, selbst in höchsten Stellungen, die ihr nicht angehören; es hat nie jenen Massenzustrom zur Falange gegeben, wie dies bei der NSDAP oder in Italien, der Fall war.“