Schlagen Sie eine Zeitung auf, spitzen Sie die Ohren in einem Laden, in der Straßenbahn oder auf dem Sportplatz – überall dasselbe Schlagwort: „... und dabei wird ständig alles teurer!“

Es gibt eine Legende von der Teuerung und sie wird genährt durch Berichte über echte Preiserhöhungen, zum Beispiel für Grundstoffe oder im Bauwesen; diese Erhöhungen haben sich aber in den Verbraucherpreisen bislang nicht wesentlich ausgewirkt. Spricht man ständig von der allgemeinen Teuerung, so heißt das also einen Regenschirm aufspannen, obwohl erst eine Wolkenwand heranzieht, oder sich schon ins Bett legen, wenn man mit einem Grippekranken zusammen war.

Dabei gibt es einen guten und zuverlässigen Kronzeugen gegen die Legende: den Preisindex für die Lebenshaltung, den das Statistische Bundesamt regelmäßig herausgibt. Statistik ist allerdings nicht jedermanns Sache, ob das Mißtrauen gegen diese Wissenschaft nun in den alten Witz gekleidet wird, Statistik sei die vornehmste Art der Lüge, oder in die literarische Umschreibung: „Mit Zahlen läßt sich kräftig streiten, doch läßt sich kein System bereiten!“ Nun, der Preisindex soll gar kein „System bereiten“. Er ist aber das einzige objektive Indiz in einem so subjektiv beeinflußten Urteil wie dem über die Preisentwicklung.

Die Grundlagen seiner Berechnung wurden vor ein paar Jahren – 1952 – modernisiert. Nach wie vor wird der Verbrauch eines Vier – Personen – Haushalts zugrunde gelegt, dessenHaushaltungsvorstand in abhängiger Stellung erwerbstätig ist oder war. Aber der „Warenkorb“ für diese imaginäre Familie wurde neu zusammengestellt. In ihm fehlt die Zigarette so wenig wie der Rollmops oder die Leberwurst, finden sich die Glühlampe, der Küchenstuhl, der Bettbezug, die Babyflasche und die Bratpfanne, aber auch die Damenstrümpfe, die Schuhsohlen, die Zahnpasta, die Kinokarte, der Fahrschein und die Fahrradbereifung. Natürlich gehört auch die Miete in den „Warenkorb“ hinein – kurz alles, was im täglichenLeben anWaren und Leistungen in Anspruch genommen wird. Selbstverständlich geht das nicht ohne Vergrößerung ab, und ebenso selbstverständlich ist eine sorgfältige Wägung des Anteils jener Waren und Leistungen an der gesamten Lebenshaltung.

Der Index – obwohl ein wissenschaftliches Instrument – ist die Grundlage vieler wirtschaftspolitischer und sozialpolitischer Verhandlungen; es war also wichtig, ihm von vornherein die Zustimmung der Sozialpartner zu verschaffen. Darum sind neben den interessierten Bundesministerien auch die Gewerkschaften und die Arbeitgeber bei der Neuberechnung vor wenigen Jahren hinzugezogen worden.

Der Index basiert auf den Preisen von 1950 – den niedrigsten seit der Währungsreform – und betrug im Juli dieses Jahres 111 Punkte. Seit dem Sommer 1951 hat sich dieser Index nach oben oder unten, niemals um mehr als einige Punkte verändert. Der höchste Stand war 112, der niedrigste 107. Die Ausschläge sind also relativ gering – geringer als in den meisten Ländern Europas und vor allem geringer, als viele es wahrhaben wollen. Von einem dauernden Anstieg der Verbraucherpreise in größerem Umfang kann keine Rede sein. Wir haben hohe Preise; aber nicht unaufhaltsam steigende Preise!

„Ja, aber...“, werden Sie jetzt sagen, „allein in den letzten 12 Monaten ist doch manches erheblich teurer geworden; die Butter zum Beispiel, das Obst auch, ebenso Käse und Eier; beim Friseur muß ich mehr bezahlen als vorher; vom Kohlenpreis ganz zu schweigen.“ Stimmt alles! Um den Katalog der Preiserhöhungen noch zu ergänzen: Auch Bücher wurden teurer, Seife, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Gemüsekonserven und zum Teil Brot. Aber – und da zeigt sich, daß wir von Preis-Senkungen kaum Notiz nehmen: es wurden seit einem Jahr unter anderem billiger: Gemüse, Schmalz, Fleisch, Bohnenkaffee, Alkohol und vor allem Kleidung und zum Teil Schuhe.