FRS., Bern, im September

In einem Wahljahr weiß man nie genau, wieweit die wirtschaftspolitischen Forderungen durch sachliche Erwägungen bestimmt werden und wie stark die Sehnsucht nach günstigen Wahlergebnissen mitwirkt. Die Suche nach Motiven ist aber auf diesem Gebiet besonders unfruchtbar – weshalb wir uns hier mit der nüchternen Mitteilung begnügen, daß der Übergang von der 48-Stunden-Woche zur 44-Stunden-Woche für die Schweiz aktuell geworden ist. Es waren aber nicht – wie in anderen Ländern – die Gewerkschaften, die dieses Postulat aufgriffen, sondern die engsten Freunde des Herrn Gottlieb Duttweiler, jenes Zürcher Großkaufmanns und Migros-Direktors, der mit jährlich einem Prozent seiner Gewinne sogenannte „Aktionen des sozialen Kapitals“ unterstützt; darunter versteht er vor allem Unternehmen, die geeignet sind, die Arbeiterschaft mit der Wirtschaftsfreiheit auszusöhnen. Die 44-Stunden-Woche gehört nach seiner Auffassung dazu, und verlangt wird deren Verwirklichung auf. dem in der Schweizer Demokratie üblichen Wege des Volksentscheids.

Über Tragweite und Aussichten des bald einmal abstimmungsreif werdenden Begehrens ist man sich in den politischen und wirtschaftlichen Kreisen des Landes keineswegs einig. Gewerbe und Landwirtschaft bezeichnen jede Arbeitszeitverkürzung im gegenwärtigen Zeitpunkt als untragbar und sind überzeugt, daß sie unter einer solchen Besserstellung der Industriearbeiterschaft am meisten zu leiden hätten, schon weil Abwanderung und Landflucht dadurch verstärkt werden würden. Die Gewerkschafter scheinen der Auffassung zu sein, daß Lohnerhöhungen vorzuziehen wären. Es besteht denn auch eine ausgesprochene Bereitwilligkeit zur Leistung von Überstunden. Die Industrie verhält sich nicht durchweg ablehnend. Einen sehr realistischen Standpunkt vertrat unlängst Dr. Walter Boveri (Brown-Boveri) in seiner Präsidialadresse an die Generalversammlung. Seine Meinung läßt sich dahingehend zusammenfassen, daß die 44-Stunden-Woche im Zuge der sozialen Besserstellung der Arbeitnehmerschaft als unvermeidlich betrachtet werden müsse, daß der Zeitpunkt dafür heute nicht günstiger, aber auch nicht ungünstiger sei als irgendwann sonst und daß es klugem Geschäftssinn entsprechen würde, wenn man einen Einigungsversuch über die Teilung der Kosten unternähme.

Die gesetzliche Arbeitszeit in der Schweiz beträgt gemäß Fabrikgesetz, dem 552 000 Arbeitnehmer unterstellt sind, 48 Stunden. Die Vorschrift entspricht den effektiv geleisteten Arbeitsstunden im Landesdurchschnitt. Nach den Angaben des Internationalen Arbeitsamtes wird das schweizerische Arbeitsmaß in Westeuropa nur noch von den Holländern (48,5 Stunden) überschritten. Der Übergang auf die 44-Stunden-Woche käme einer Mehrbelastung der Produktion um etwa 8 v. H. gleich. Die offene Frage, die nur vom Seilziehen der interessierten Wirtschaftsgruppen beantwortet werden kann, lautet, ob diese Mehrbelastung sich als Lohnkürzung, als Preissteigerung oder Gewinnausfall auswirken wird. Nach den bisher zur Verfügung stehenden Informationen wird die Landesregierung beim Parlament die Ablehnung der „Initiative“ beantragen, unter Hinweis auf die Möglichkeiten, die in den Gesamtarbeitsverträgen liegen; es sei nicht einzusehen, so wird argumentiert, warum man sich auf das Abenteuer einer uniformen Gesetzesregelung einlassen sollte, wenn doch das Instrument der Vertragsverhandlungen zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft die Revision der Arbeitsbedingungen jederzeit zulasse – so wie es unter Berücksichtigung der Besonderheiten in der betreffenden Branche eben tragbar sei.