Welch ein Jammer, daß an dem Romanow-Smaragd, den die verstorbene Kronprinzessin Cecilie dem Freund ihrer alten Tage, Herrn Groha, zugedacht hatte, keine düsteren Voraussagen einer alten Zigeunerin hafteten! Wie schade, daß das Gespenst der weißen Dame, das einst dem Hause Hohenzollern zur Verfügung stand, nicht in Tätigkeit treten konnte! Wie bedauerlich schließlich, daß der Geist des alten Fritz nicht unter die hochfürstliche Sippschaft treten und ihr mit dem legendären Krückstock drohen konnte! Das Schicksal hat keinen Finger gerührt, um aus einem banalen Familienzank eine Haupt- und Staatsaktion oder doch wenigstens eine romantische Geschichte zu machen, die unsere von der Zeit so mißhandelten Untertanenherzen hätte höher schlagen lassen. Gewiß, es ist keine Mühe gespart worden, um die Streitereien einer verzankten Familie in den Rang eines hochfürstlichen Dramas zu erheben. Den authentischen Schilderungen stehen die dokumentarischen Berichte gegenüber, Tonbandaufnahmen ringen mit eidesstattlichen Erklärungen, auf Nachlaßprozesse folgen einstweilige Verfügungen; Gutachten von Psychiatern, Aussagen von Kammerdienern und juristische Schriftsätze, alles das soll dazu dienen, dem großen Stück preußisch-deutscher Geschichte, das durch die Hohenzollern geprägt ist, ein kleines Nachspiel, anzuhängen, in dem die Überlebenden recht behalten, Ehre gewinnen und Geld kriegen.

Prinz Louis Ferdinand von Preußen, seit dem Tode, seines Vaters, des letzten deutschen Kronprinzen, das Oberhaupt der Familie (oder, wie es im fürstlichen Jargon, für unser Ohr etwas zu kaufmännisch, heißt, der „Chef des Hauses“), dieser Prinz mag aus dem Zank hervorgehen, wie er will; er mag recht bekommen, den Schmuck gewinnen, die Memoiren seiner Mutter, die augenblicklich in einer großen Illustrierten erscheinen, entgiften lassen und Herrn Groha in das Mauseloch kleinbürgerlicher Nichtigkeit zurückscheuchen, in das der ehemalige Schreiner und Turnlehrer – der doch der nächste Freund der verstorbenen Kronprinzessin war – nach hohenzollernschen Grundsätzen gehört –: nichts wird diesen Träger eines großen geschichtlichen Namens von der Schuld freisprechen können, die Glorie dieses Namens der Trübung durch allzu irdische Prozeduren ausgesetzt zu haben. Er wird uns bestimmt nicht verstehen, denn er ist ja ein „moderner Mensch“ und ein helles Kind dieser Zeit. Nein, er hat keine Ahnung, was wir meinen, wir, die wir dem preußischen Königstum über alle Irrtümer und Schatten hinweg ein beständiges Gedenken bewahren. Umflorte Adler, verhüllte Kronen und die starre Vergilbtheit der großen Fahnen, das alles gehört uns mehr als ihm. Vielleicht hilft ihm zum näheren Verständnis dieser Zusammenhänge das Gedicht von Liliencron „In einer Winternacht“. Es ist die Nacht, in der Wilhelm I. zu Grabe getragen wurde.

Soll sich, so könnte man fragen, ein Mann von heute, der Weib und Kind hat, in der Verfolgung seiner materiellen und moralischen Interessen nur dadurch bestimmen lassen, daß er ein Prinz und Abkömmling mächtiger Herrscher ist? Ja, er soll! Man kann nicht den Glanz der verlorenen Krone beschwören, einen geheimen Führungsanspruch stellen, sich auf den Höhen der Menschheit wähnen und gleichzeitig den Ruf seiner Mutter, ja, seiner ganzen Familie einer so nachhaltigen Verringerung ausliefern.

Die verstorbene Kronprinzessin ist ja in ihren letzten Lebensjahren von ihrer Familie nicht gerade verzärtelt worden. Sie war eine für die Öffentlichkeit gänzlich bedeutungslos gewordene alte Dame, die sich, um einiges Geld mit „literarischen Arbeiten“ zu verdienen, darauf einließ, Erinnerungen an den Kronprinzen unter ihrem Namen erscheinen zu lassen. Das ist schon einige Jahre her, aber es gibt Leute, denen die Schamröte noch heute ins Gesicht steigt, wenn sie daran denken, daß das peinliche Machwerk den Titel „Kaiser meiner Seele“ trug.

Welcher Teufel ritt alle diese Herrschaften, daß sie beständig versuchten, durch Veröffentlichungen in der Unterhaltungspresse hervorzutreten, obwohl keiner von ihnen viel mehr als einen graden Satz schreiben konnte! Auch Louis Ferdinand hat seine Lebensgeschichte vor längerer Zeit in einem Bilderblatt publiziert und dabei den Beweis geliefert, daß auch die glättenden Hände treuer Helfer den Zeichen tief eingewurzelter Banalität nicht beizukommen vermögen. Aber es ist ja nicht schriftstellerischer Ausdruckszwang, der in solchen Fällen waltet, sondern der Wunsch, einen Stoff an den Mann zu bringen, dessen Zugkraft bei dem breiten Publikum erwiesen ist. Man kann gegen die Manager der deutschen Bildpresse manches vorbringen, aber niemand wird von ihren behaupten wollen, daß es Leute sind, die ihr Geld gerne zum Fenster hinauswerfen.

Neben Lollobrigida

Eine andere Frage ist freilich, ob das, was den hastigen Leser interessiert, sich mit dem Begriff des „öffentlichen Interesses“ deckt. Der Prinz hat gegen den Bericht des Herrn Groha, der sich an Tonbänder und Plaudereien am Kamin stützt, eine einstweilige Verfügung erwirkt, bei deren Erlaß das Gericht geltend gemacht hat, „das Haus Hohenzollern gehöre seit 1918 nicht mehr der Zeitgeschichte an“. Es kam dann zu einer Einigung, so daß die Veröffentlichung mit gewissen Änderungen fortgesetzt werden konnte. Für eine ehemals regierende Familie, die noch eine öffentliche Rolle spielen möchte, kann es nie angenehm sein, zu erfahren oder gar zuzugeben, daß sie nicht mehr in die „Zeitgeschichte“ gehört. Aber wohin gehören dann die Mitgiftjäger und Filmsterne, deren Angelegenheiten in den Spalten unserer Blätter noch mehr Platz einnehmen als die der Hohenzollern?