Zu dem Artikel „Betriebsgewitter“ (in der Ausgabe der ZEIT der vergangenen Woche) erhielten wir die nachfolgende Zuschrift eines Gewerkschafters, die uns bedeutsam genug zu sein scheint, um an dieser Stelle veröffentlicht zu werden. Auch wir glauben, daß durch eine stärkere Aufklärungsarbeit der Unternehmungen über ihre Investitionspolitik viele Mißverständnisse aus der Welt geschafft werden könnten, die durch die globalen Behauptungen von den ständig steigenden Unternehmergewinnen in der Öffentlichkeit entstanden sind. Und wir sind ebenfalls der Meinung, daß man es damit den Gewerkschaften leichter machen würde, ihre Resignation gegenüber der Preisentwicklung aufzugeben und sie zu einem Verbündeten der Erhard-Aktion für Preissenkungen zu machen.

Bei wilden Streiks ist zu fragen, wieweit sie von stimmungs- und gefühlsmäßigen Strömungen beeinflußt sind, die einer sachlichen Prüfung nur unvollkommen – standhalten. Die Gewerkschaften betreiben zur Zeit eine sehr aktive Lohnpolitik. Sie resignieren hinsichtlich einer Beeinflussung der Preise und laden die Schuld an diesem Unvermögen der Wirtschaftspolitik auf. Selbstverständlich wird jede Preiserhöhung registiert und zur Unterstützung der Lohnforderung benutzt. Doch die wesentliche Begründung ist der dem Arbeitnehmer zustehende Anteil an der Erhöhung der Produktivität, der auch bei gleichbleibenden Preisen nur durch die Lohnerhöhung zu realisieren ist. An die Preissenkung glaubt doch niemand.

Tarife wurden allenthalben gekündigt, Tarifverhandlungen geführt oder terminmäßig festgelegt. Die Arbeiter konnten darauf vertrauen, daß ihre gewerkschaftliche Vertretung auf dem Posten war, um mit den Argumenten der Lebenshaltungskosten und der erhöhten Gütererzeugung die Löhne angemessen zu steigern. In Kassel wie in Hamburg standen Tarifverhandlungen vor der Tür. Wie kam es, daß eine Arbeiterschaft, die früher in wirklich gedrückter Lage, um des Wiederaufbaues willen, lange stillhielt, nun mit einemmal die Arbeit niederlegte und mit der allzu vereinfachenden Forderung einer gleichhohen Teuerungszulage auf den Plan trat?

Hier ist der Boden für eine Agitation vorbereitet gewesen, die kaum eines kommunistischen Antriebs bedurfte, um wirksam zu werden. Eine tiefe Unzufriedenheit hat sich in weiten Kreisen der Arbeitnehmerschaft eingenistet, und jeden Tag können ein paar Ungeduldige, denen die umständliche Tarifarbeit der Gewerkschaften zu lange dauert, eine Belegschaft zu wilden Aktionen hinreißen, zumal in einer Zeit, in der überall von der blühenden Konjunktur und der steigenden Produktivität gesprochen wird.

Aber liegt in den Darstellungen eines glänzenden Aufstiegs nach schwerem Fall nicht die Quelle der radikalen Haltung? Kein Arbeiter wird leugnen, daß sich Löhne und Lebenshaltung seit der Währungsreform gehoben haben. Doch immer wieder wird ihm erzählt, daß er an dem Aufschwung, für den er seine Kräfte miteinsetzt, nicht in ausreichendem Maße beteiligt wurde, daß er mit seinem Anteil, wenn auch absolut gestiegen, relativ abgesunken sei. Er fühlt sich um eine ihm zustehende Quote am Sozialprodukt geprellt, das ihm als so gewaltig gesteigert vorgeführt wird.

Ohne Unterlaß wird in der Gewerkschaftspresse den Arbeitern dargestellt, wie die Gewinne wachsen, die Produktionszahlen, der Umsatz, das Exportgeschäft, die Beschäftigungszahlen, wie der Auftragseingang sich ständig höher entwickelt, die Börsenkurse und die Dividenden steigen, das Kapital erhöht und die Investitionen erweitert werden. Demgegenüber wird die Lohnquote, in ihrem prozentualen Verhältnis zu Umsatz und Gewinn, als ständig fallend bezeichnet.

Umsatzsteigerung und Rationalisierung brachten bei einigen Erzeugnissen des sog. gehobenen Bedarfs und der Bekleidung wohl eine Preissenkung, doch wichtige Lebensmittel (Brot, Fleisch, Butter, Kartoffeln, Milch) stiegen im Preise oder drohen zu steigen. Hinzu kommt die Verteuerung der Kohle, von Baustoffen und die Erhöhung der Altraummieten.

So steht folgendes Bild vor dem Arbeiter: Aufstieg der Wirtschaft mit hohen Unternehmergewinnen, Preissteigerungen, zurückbleibender Lohnanteil. Wenn diese Sicht stimmt, braucht man sich über spontane Aktionen nicht zu wundern, sondern höchstens darüber, daß die Gewerkschaften nicht schon früher und energischer die Ansprüche ihrer Mitglieder vertreten haben. Es wäre Sache der Unternehmensleitungen, den Arbeitern wie der Öffentlichkeit durch eine verständnisvolle Offenlegung der Kapitalanlagen, der Betriebskosten und Gewinnverwendung klarzulegen, daß die Lohnquote nicht unberechtigt zu kurz kommt. Wenn dieser Beweis gelingt, ist die Behauptung von der sinkenden Lohnquote gegenstandslos und die Gewerkschaften haben ihre Mitglieder entsprechend aufzuklären; sie sollten dann ihre Resignation gegenüber der Preisentwicklung aufgeben; cenn im Handel gibt es noch manches in Ordnung zu bringen. A. L.