Ein dänischer Film mit religiöser Thematik in Venedig preisgekrönt

Die diesjährige „Mostra internationale d’arte cinematografica die 16. Biennale für den künstlerischen Film in Venedig, hat zwar keine revolutionierenden Taten oder auch nur künstlerische Höhepunkte in altbewährten Filmstilen gezeigt, dagegen hat sie einige politische Aufregungen gebracht. Gleich am Anfang überraschte die Tatsache, daß auf das Urteil der amerikanischen Botschafterin in Rom, Claire Booth Luce, hin der in den USA sehr erfolgreiche Film „Blackboard Jungle“ (Die Saat der Gewalt), eine schonungslose und hart inszenierte heftige Schilderung der Zustände einer New Yorker high school, von den Amerikanern zurückgezogen wurde. Mrs. Luce hatte geltend gemacht, daß dieser Film nicht typisch für Amerika sei und das Verständnis für die USA im Ausland nicht fördere. Die Filmgesellschaft Metro Goldwyn hat daraufhin beim State Department dagegen protestiert, daß „ein offizieller Vertreter Amerikas im Ausland irgendeine Zensurbehörde durch Drohung und Gewalt in ihrer Entscheidung beeinflussen darf. Dieser Weg gefährdet unausweichlich die Meinungsfreiheit und kann zur Unterdrückung jeder schöpferischen Arbeit führen“, Bisher wurde aus Washington offiziell darauf mitgeteilt, es könne keine Rede davon sein, daß die Zurückziehung des Films durch unerlaubte Anwendung von Gewalt erzwungen wurde. Als im späteren Verlauf der Biennale aus Amerika ein mit-:elmäßiger Wildwester „The Kentuckian“ (Der Mann aus Kentucky) mit Burt Lancaster in der Hauptrolle aufgeführt wurde, erhob sich in Veledig natürlich sofort die Frage, inwiefern dieser knallige Streifen (mit einer unerhört brutalen Szene) dem Ansehen Amerikas mehr diene als der turückgezogene Film „Die Saat der Gewalt“.

Die Spanier haben die Biennale unter Protest verlassen, als ihr Film „El Canto del Gallo“ (Der Hahnenschrei) zur Aufführung nicht zugelassen wurde, weil er die Richtlinien der Filmschau veretze und bei „gewissen Ländern“ Anstoß erregen könnte. Der Film behandelt die Verfolgung der katholischen Kirchen in Osteuropa. Kurz zuvor hatte sich das Festkomitee geweigert, den tschechoslowakischen Film „Johann Hus“ zu zeigen, weil er katholische Länder verletzen könnte.

Nach diesen Verboten tauchte bei manchem Festspielteilnehmer, übrigens bei mehr ausländischen als deutschen, die Frage auf, warum man dann den nicht ganz ausgegorenen Film des 24jährigen italienischen Filmregisseurs Francesco Maselli „Ghi Sbandati“ (etwa die Entgleisten oder Verstreuten) zuließ. Er spielt im Jahre 1943 und sein Thema ist die Not und Ratlosigkeit einer aus der Bahn geworfenen Generation. Aber dieser Film war nicht frei von billigen Akzenten der Verunglimpfung des Gegners, also der Deutschen, so in jener Szene, in der ein deutscher Soldat die gefallene italienische Widerstandskämpferin roh mit seinem Stiefel umwendet. – Zugelassen war auch ein sowjetischer Film „Zu neuen Ufern“, der die nicht anwesenden Letten zwar nicht verletzen konnte, aber dennoch mit seiner groben und unbekümmerten Geschichtsfälschung, die behauptet, daß die Letten die Rote Armee zu Hilfe riefen und sich in einem Freudentaumel der Sowjetunion anschlössen, die westlichen Zuschauer in Venedig verblüffte.

Die neunzehn teilnehmenden Länder zeigten auf dieser Biennale nicht viel Selbstkritik. Venedig war diesmal kein Treffpunkt friedlicher Aussprache und Zusammenarbeit der Völker, und was das Niveau betrifft, so zeigten viele Filme zwar viel Bemühen, aber nicht genug Können. Sie waren nicht festspielreif.

Preisgekrönt mit dem „Löwen von San Marco“ wurde schließlich der dänische Film „Ordet“ (Das Wort), zwar keine neue künstlerische Offenbarung des bewährten Regisseurs Theodor Dreyet, aber eine gute Arbeit, die zeigt, daß er seine Selbständigkeit und sein Gewissen nicht dem eisernen geschäftlichen Zwang zu opfern bereit ist. Den zweiten Preis erhielt der russische Film nach Tschechows Novelle „Poprigugna“ („Die Zikade“, Regie: S. Samsonow), ein konventioneller, sehr gut gespielter, sorgfältig die Vorlage ausschöpfender, farbig delikater Streifen, der die Geschichte der verfehlten Ehe zwischen einem Arzt und einer oberflächlichen Frau erzählt. Sehr geschickt und fast unmerklich sind die politischen Richtlinien darin eingehalten. Card Jürgens der Hauptdarsteller von „Des Teufels General“, des einzigen auf der Biennale gezeigten deutschen Spielfilms, wurde zusammen mit dem Engländer Kenneth More (für seine Rolle in „Tiefe blaue See“) mit der Auszeichnung als bester männlicher Darsteller bedacht. Der mit Spannung erwartete erste Farbfilm von René Clair „Les grandes maneuvres“ ist nicht fertig geworden und konnte nicht gezeigt werden. EM

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