V. Kernspaltung im Dienst der Landwirtschaft, Technik und Industrie – Von der „Atomkonserve“ bis zum Atomkraftwerk

Von Karl Moersch

Die Nutzbarmachung der Atomenergie hat ein neues Stadium der Weltgeschichte herbeigeführt. Mit Unsicherheit, Neugier, Hoffnung und mit einer Furcht, die an die Dämonenangst der Vorzeit erinnert, verfolgt die Öffentlichkeit die Forschungen und Ergebnisse der Wissenschaft. Beides haben wir inzwischen kennengelernt: Vernichtung und Entsetzen, Heilung und Nutzen durch die Atomkraft. Aus den faszinierenden Möglichkeiten der „Atome für den Frieden“ schildert unser Autor Karl Moersch zum Abschluß unserer Artikelfolge die Atomkraft als Energiequelle der Zukunft. Aber auch die Projekte ihres Einbaus in eine uns vertraute Welt kann uns nicht über die Unheimlichkeit einer Gewalt hinwegtäuschen, die in den Händen der Berufenen ein Segen, in den Händen Unberufener das Ende der Welt bedeuten könnte.

Die „Kaltsterilisierung durch ionisierende Bestrahlung“ macht Nahrungsmittel unbegrenzt haltbar, indem durch radioaktive Strahlen Bakterien, Pilze und Enzyme abgetötet werden. Allerdings ist damit das Konservierungsproblem keineswegs zufriedenstellend gelöst. Wir wissen noch zu wenig darüber, welche anderen lebenswichtigen Stoffe in den Nahrungsmitteln durch eine solche Bestrahlung mit abgetötet werden. Auch hat man beobachtet, daß zum Beispiel bestrahlter Kaffee viel von seinem Aroma verliert und daß Butter ihre Farbe dabei einbüßt und einen ranzigen Geschmack bekommt. „Sterilisiertes Fleisch“ – so äußerte Professor Brownell von der Michigan-Universität – „riecht wie ein Hund, der aus dem Regen kommt.“ Lange Zeit bestand außerdem Unklarheit darüber, wie es vermieden werden könnte, daß die bestrahlten Lebensmittel selber radioaktiv werden und so dem menschlichen Körper schaden könnten. Wahrscheinlich ist – wie sich inzwischen herausgestellt hat – diese Gefahr relativ leicht zu umgehen. Bei den seinerzeit in Japan angelandeten radioaktiv verseuchten Fischen handelte es sich um eine Wasserstoffbombenexplosion mit einer ungeheuer energiereichen Strahlung. Bei den für die Konservierung verwendeten Strahlungsquellen dagegen werden sehr viel schwächere Strahlungen erzeugt. Sie greifen die Atome der bestrahlten Stoffe selbst nicht an, und somit dürfte die Gefahr radioaktiver Schädigungen des menschlichen Körpers vermieden werden. Man hat im Tierversuch zum Beispiel festgestellt, daß radioaktiv derart behandelte Lebensmittel von Ratten ohne Schaden gefressen wurden.

In zahlreichen Laboratoriumsversuchen hat man mit dieser Methode erstaunliche Ergebnisse erzielt. So gelang es etwa, Kartoffeln, auch wenn sie nicht in Kühlräumen lagern, zwei Jahre lang frisch zu erhalten, ohne daß sie dabei ihren Geschmack verloren. In fünf Jahren, so hofft man in Amerika, wird sich das Haltbarmachen durch Radio-Isotope bei Obst und Gemüse durchgesetzt haben.

Ein wichtiges Problem ist dabei immer die zweckmäßige Dosierung der Bestrahlung. Denn nur so lassen sich unangenehme Nebenerscheinungen, wie Farbänderungen oder Aromaverluste, vermeiden. Bei allen Erfolgen, die sehr wohl recht schnell praktische Bedeutung gewinnen können und werden, darf man nicht verleitet sein, zu glauben, die „Atomkonserven“ würden die Kühlschränke überflüssig machen. Sie werden sie bestenfalls ergänzen. Denn es kommt ja nicht nur auf Haltbarkeit, sondern bei vielen Stoffen auch auf die Temperatur an. Zudem sind vorläufig – um praktisch in größerem Umfang Anwendung zu finden – die Kosten für diese radioaktive Konservierung noch zu hoch. Doch das kann sich – wie wir es zum Beispiel in der Energie-Erzeugung in den letzten Jahren erlebt haben – recht schnell ändern.

Radio-Isotope gegen Hungersnot