W. B.-H., Kopenhagen, im September

Die offizielle Beurteilung der dänischen Konjunkturentwicklung und Währungssituation ist neuerdings von steigendem Optimismus geprägt. Eine gewisse Besserung in der Außenhandelslage ist in der Tat unverkennbar. Andererseits werden die im Frühjahr durchgeführten liquiditäts- und konsumbegrenzenden Maßnahmen zur Beseitigung des Valutadefizits – noch bevor sie effektiv geworden sind – zum Teil schön wieder durch neue Lohn- und Gehaltserhöhungen untergraben. Von einer Überwindung der Schwierigkeiten kann daher nicht die Rede sein, geschweige denn von einer Stabilisierung und Normalisierung der Verhältnisse. Die Lage ist nach wie vor äußerst labil, und in welcher Richtung sich die Dinge weiterentwickeln, wird erst in einigen Monaten zu beurteilen sein, zumal auch die Ergebnisse der neuen Ernte sowie der bevorstehenden wichtigen Handelsverhandlungen mit Großbritannien, dem größten Kunden der dänischen Landwirtschaft, abgewartet werden müssen.

Der Regierungsoptimismus gründet sich vor allem darauf, daß die beunruhigende Passivierung der Handelsbilanz nunmehr zum Stillstand gekommen ist. Im ersten Halbjahr 1955 ist der Wert der Einfuhr gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 151 Mill. Kr. (oder 4 v. H.) auf 4000 (i. V. 3849), der Ausfuhrwert um 318 Mill. Kr. (oder 10 v. H.) auf 3492 (3174) Mill. Kr. angestiegen. Ob die erstmalig geringere Importzunahme tatsächlich bereits auf die kontraktiven Maßnahmen zur Abdämpfung der wirtschaftlichen Aktivität zurückzuführen ist, läßt sich kaum mit Sicherheit sagen; es ist ebenso möglich, daß es sich um eine rein temporäre Erscheinung handelt. Im gegenwärtigen Zeitpunkt aus der Tatsache, daß der diesjährige Mehrimport um 167 Mill. Kr. kleiner war als in der ersten Jahreshälfte 1954 (508 gegen 675 Mill.), auf eine grundlegende Wendung zum Bessern schließen zu wollen, wäre unter allen Umständen übereilt.

Der vorliegenden Außenhandelsstatistik ist, zu entnehmen, daß auf der Einfuhrseite die Werte für Getreide und Futtermittel auf 403 (434) und Düngemittel auf 108 (132), für Kaffee, Tabak und andere Genußmittel auf 206 (257), für Textilien auf 447 (469) und für Kraftwagen auf 287 (339) Mill. Kr. gefallen sind. Alle sonstigen Warengruppen haben Zunahmen zu verzeichnen; die größte der auf 720 (549) Mill. Kr. gestiegene Brennstoffimport. Von der Mehrausfuhr entfallen nur 70 Mill. Kr. auf den landwirtschaftlichen und 229 Mill. Kr. auf den industriellen Produktionsabschnitt, wodurch sich der Anteil des letzteren an der Totalausfuhr von 34 auf 38 v. H. erhöhte, während der Agraranteil nur noch 58 gegen 64 v. H. im Vorjahr ausmacht. Besondere Beachtung verdient die Entwicklung der Ausfuhr nach Westdeutschland, die um nicht weniger als 56 v. H. von 361 auf 563 Mill. Kr. (16 [i. V. 11] v. H.) der dänischen Gesamtausfuhr gestiegen ist. Die deutschen Lieferungen nach Dänemark hingegen erhöhten sich nur um 9 v. H. auf 790 (723) Mill. Kr., und der Anteil der Bundesrepublik am Gesamtexport des Landes blieb praktisch unverändert. Die deutschen Mehrimporte erklären sich aus der größeren Nachfrage nach Schlachtvieh, Butter und Eiern, womit endlich einem seit langem geäußerten dänischen Verlangen Rechnung getragen wird. Ob diese Nachfrage auch in der Zukunft anhält, ist indessen recht ungewiß, und dieser Unsicherheitsfaktor ist der Hauptgrund, weshalb bei der Beurteilung der Handelsbilanzentwicklung eine vorsichtige Zurückhaltung notwendig ist. Der um 167 Mill. Kr. geringere Passivsaldo der Bilanz beruht nämlich im wesentlichen auf der im Deutschlandhandel eingetretenen Verschiebung; ohne diese wäre er 35 Mill. Kr. größer als im Vorjahr gewesen, was in den optimistisch gestimmten Regierungskommentaren übersehen wird...

Aber selbst wenn man bis zu einem gewissen Grad der optimistischen Beurteilung des Außenhandelsbildes beipflichten wollte, kommt man nicht darum herum; daß es durch den anhaltenden inflationistischen Preisauftrieb stark überschattet wird. Dieser hat im Laufe des ersten Halbjahres 1955 bewirkt, daß die an den Lebenshaltungsindex gebundenen Löhne und Gehälter jetzt um zwei weitere „Teuerungsportionen“ nach oben reguliert wurden. Bei den Frühjahrsgesetzen zur Begrenzung der Kaufkraft und Investierungstätigkeit hatte man als Entschädigung für die höheren Verbrauchssteuern auf Textilien und Genußmittel die Ausgabe sogenannter Sparzertifikate an die Bürger in Höhe von je 200 Mill. Kr. in diesem und dem folgenden Jahr beschlossen, die verzinst und ab 1962 mit einem Zehntel jährlich eingelöst werden sollen. Durch diese Maßnahme wollte man eine Erhöhung des lohnregulierenden Preisindexes verhindern, indem bei seiner Berechnung fünf Punkte für diese Zertifikate in Abzug gebracht wurden. Trotzdem ist der Juli-Index aber um neun Punkte in die Höhe gegangen und erreichte mit 397 (1914 gleich 100) einen neuen Rekordstand. Dies bedeutet eine Erhöhung der Löhne und Gehälter für alle Arbeiter, Angestellten und Beamte um rund 250 Mill. Kr. jährlich, also mehr, als man durch die Verbrauchssteuererhöhungen des Frühjahres an überschüssiger Kaufkraft abzuschöpfen gehofft hatte.

Die neuen Löhne bewirken zwangsläufig ein weiteres Ansteigen des Produktions- und Preisniveaus. Hinzu kommt ferner, daß die Verbrauchsabgaben des Frühjahres sich auf die Detailpreise noch längst nicht voll ausgewirkt haben und daß auch die Wohnungsmieten als Folge der Auflockerung des Mietenstopps jetzt eine nicht unerhebliche Erhöhung erfahren. Diese drei Faktoren lassen schon heute voraussehen, daß die nächste lohnregulierende Indexzahl im Januar 1956 automatisch zu einer weiteren kräftigen Lohnsteigerung führen muß. Von einer Stabilisierung des Lohn- und Preisgefüges, wie dies mit den Frühjahrsgesetzen angestrebt wurde, ist man mithin weiter entfernt denn je. Wenn das Parlament Anfang Oktober zusammentritt, werden Regierung und Parteien sich daher erneut die Köpfe darüber zerbrechen müssen, auf welche Weise die konsumsteigernde Wirkung der jetzt eingetretenen und im Winter zu erwartenden Lohnzuschläge neutralisiert werden soll.

Bei solchen. Aspekten ist es nicht weiter überraschend, daß jetzt eine lebhafte Kritik an dem bisher sakrosankten System der automatischen Lohnregulierung eingesetzt hat. Die ersten Forderungen nach einer Änderung wurden von der liberalen Bauernpartei und den landwirtschaftlichen Organisationen erhoben. Aber sogar in den Kreisen der sozialdemokratischen Regierungspartei und der Gewerkschaften werden neuerdings Bedenken gegen die Aufrechterhaltung des alle, finanz- und wirtschaftspolitische Stabilisierungsversuche über den Haufen werfenden Indexmechanismus laut. Die große Frage indessen ist, was man an seine Stelle setzen soll. Erklärungen der Metall- und Textilarbeitergewerkschaften lassen durchblicken, daß man bereit ist, die lohnmäßigen Wirkungen des Preisindexes bis auf weiteres zu suspendieren, wenn die Importregulierung für industrielle Fertigwaren wieder eingeführt wird.