Sobald die Moskauer Einladung an „Herrn K.

Adenauer“ erging, wurde die Pankow er Presse von einer spürbaren Unsicherheit befallen. Natürlich mußte der überraschende Schritt der Sowjetunion die spontane Zustimmung ihres Ostberliner Satelliten verlangen, das war klar. Und so berichteten die kommunistischen Blätter sofort von einer west-östlichen „Massensympathie“ für die Einladung und von „laufend eintreffenden Zustimmungserklärungen aus allen Teilen der DDR“. Bei der Wiedergabe persönlicher Äußerungen konnte die Ostpresse vorerst allerdings nur auf den „parteilosen Kumpel Fricke von der Dortmunder Zeche Kaiserstuhl II“ und auf die Hausfrau Hedwig Pfeiffer aus Bochum zurückgreifen; bald aber erschienen auch „freudige Begrüßungen“ aus den volkseigenen Betrieben und Produktionsgenossenschaften auf den Titelseiten der Blätter, und Kollege Hannecke“ von Bergmann-Borsig in Ostberlin erklärte in Fettdruck: „Der Adenauer muß nach Moskau fahren.“

Als die Verhandlungen in Moskau begannen, bemühten sich die ostzonalen Blätter, in üblicher Einmütigkeit den Tatbestand dadurch zu bagatellisieren, daß sie den Bundeskanzler als einen unter vielen in den Strom der Moskau-Pilger einreihten. Sorgfältig wurde aufgezählt, wer sich alles zugleich mit Adenauer in Moskau befinde: belgische Parlamentarier, jugoslawische Wirtschaftler, indische Fußballer, chinesische Museumsleute, Damen und Herren aus Polen, Frankreich und Österreich; auch vier englische Touristen wurden nicht vergessen. Allerdings gab die Berliner Zeitung zu, Adenauers Besuch erhielt „insofern eine besondere Bedeutung“, weil er „im Sinne der Genfer Konferenz erfolgt“. Deshalb wohl sah sich auch die Pankower Presse genötigt, eigene Berichterstatter zum Adenauerbesuch nach Moskau zu entsenden.

In den Berichten, die Pankows Pressevertreter an ihre Blätter kabeln, sind Lob und Tadel reinlich verteilt: das Lob natürlich auf die Mitglieder der russischen, der Tadel – ebenso natürlich – auf die deutsche Verhandlungsdelegation. Das begann, sogleich mit der Ankunft des Kanzlers auf dem Flugplatz Wnukowo: Hier endlich – so rügten die Blätter – habe Adenauer den Dank für die großherzige Einladung abgestattet, was er im bisherigen Notenwechsel „entgegen allen internationalen Gepflogenheiten versäumt“ hatte. Schon nach dem ersten Verhandlungstage brach aber der Sturm der Entrüstung los: im Gegensatz zu den „der Realität abgepaßten Ratschlägen der ‚Prawda‘“ habe Adenauer „als Vorbedingungen“ die Fragenkomplexe der „Kriegsverbrecher“ und der Wiedervereinigung in den Vordergrund geschoben und damit offenbar seinen Verzicht auf das bekundet, „was er mit Leichtigkeit aus Moskau mitnehmen könnte: Die Aufnahme normaler diplomatischer Beziehungen.“ Der Entrüstungssturm steigerte sich in den Berichten über die Samstagskonferenz, in der Adenauer nicht nur von der Nazischuld am Kriege, sondern auch davon sprach, daß nach dem Vordringen der Sowjets auch in Deutschland viele entsetzliche Dinge vorgekommen sind.“ Sofort meldete der Sonderkorrespondent des SED-Blattes Vorwärts, Adenauer suche die Schuld am Kriege zu verwischen. Das Verhalten Adenauers könne nicht den Eindruck erwecken, daß er eine Entspannung wünscht.

Der Wunsch nach Herstellung diplomatischer Beziehungen scheint Pankow jedoch nicht mehr in schmerzen; eilfertig betont man immer wieder, sie seien „der sehnliche Wunsch aller deutschen Patrioten“. Pankow tröstet sich damit, daß man „zuerst da“ war und bereits eine Botschaft in Moskau besitzt. Darum auch vermerkten alle Blätter als besondere Bosheit Adenauers die Bemerkung aus seiner Grundsatzerklärung, dieser Besuch sei „eine erste offizielle Begegnung zwischen den Repräsentanten der Sowjetunion und und des deutschen Volkes“. Mit Emphase wird auf die eigenen Kontakte verwiesen, und erleichtert berichten die Ostjournalisten, daß die Prawda zugleich mit dem Kommuniqué über Adenauers Ankunft in Moskau einen ausführlichen Bericht ihres Berliner Korrespondenten über industrielle Aufbauerfolge der „DDR“ veröffentlicht habe.

Es ist offenbar dringend nötig, den Lesern in der Ostzone das Selbstbewußtsein staatlicher Eigenexistenz zu stützen, das durch Adenauers Moskaureise sichtlich ins Wanken geraten ist. So haben denn alle Ostzonen-Blätter ausdrücklich erklärt, daß das Abspielen von Nationalhymnen und das Paradieren einer Ehrenkompanie eine „jedem ausländischen Regierungschef gebotene Begrüßung“ ist.