Erwartungsgemäß hatte der Artikel „Dem Öl geht nicht das Talglicht auf in Nr. 32 der ZEIT einige heftige Gegenäußerungen eingebracht. In unserem Bestreben, stets ein liberales Diskussionsforum zu sein, haben wir an dieser Stelle in Nr. 34 eine Antwort des BP-Konzerns’ aus der Feder von Herrn Waldemar Kober (Hamburg) veröffentlicht. Die Gegendarstellung hat, soweit sie nicht unsere Ausführungen bestätigte, einige bemerkenswerte Details gebracht und damit den zwischen um und anderen Ölkonzernen geführten Gesprächen einige neue Lichter aufgesetzt. Es erscheint uns notwendig, auf Grund vielfacher neuer Gespräche, die der Artikel ausgelöst hat, darauf noch einmal einzugehen.

Im Grunde dreht es sich bei den divergierenden Meinungen um die Frage, ob die Ölwirtschaft den Bedarf des Marktes an Heizöl richtig einschätzt und ob sie die notwendigen produktionellen und organisatorischen Schritte ergreift. Genaue Untersuchungen der Energieprognosen und der tatsächlichen Bedarfsentwicklung zeigen uns, daß sogar noch 1955 der Heizölbedarf Westdeutschlands von vielen (vielleicht allen) Ölkonzernen weit unterschätzt worden ist und daß daraus in noch keinem genügenden Umfange die umgekehrten Folgerungen gezogen worden sind.

Es gibt eine Brüsseler Produzentenkonvention der Erdölkonzerne, bei deren Tagungen allgemeine Energiebedarfsfragen und spezielle Fragen der Mineralölwirtschaft besprochen werden. Die Verkaufsabteilungen oder volkswirtschaftlichen Abteilungen der großen Konzerne arbeiten Marktvorausschätzungen aus, die den Vorständen als Grundlagen ihrer internationalen Gespräche und Geschäftspolitik dienen. Im Frühjahr dieses Jahres wurden in Brüssel Heizöl-Bedarfsschätzungen für Westdeutschland erörtert, die für 1955 ein Volumen von rund 2,3 Mill. t nannten, das bis 1958 auf 3 bis 4 Mill. t ansteigen würde (1954 wurde rund 1,1 Mill. t Heizöl in Deutschland verkauft). Die Schätzung für 1955 wird zum Jahresende voraussichtlich „aufs Gramm genau“ zutreffen, was die verkaufte Menge angeht. Das sagt aber nicht, daß der Bedarf nicht vielleicht wesentlich höher gewesen ist. Eine Bedarfsschätzung bis 1958 im Umfang von 3 bis 4 Mill. t dürfte aber auf alle Fälle viel zu niedrig sein. Der Verbrauchertest läßt erkennen, daß schon heute eine Heizölmenge von 3 bis 4 Mill. t glatt verkauft werden könnte, wenn das Heizöl angeboten werden würde. Und damit sind wir an einem der heikelsten Punkte in diesem Ölstreit angekommen. Wenn behauptet wird, Heizöl sei nicht unbegrenzt lieferbar, so steht dem die gleich starke Behauptung (nicht nur von uns) seitens amerikanischer Ölkonzerne gegenüber, daß Heizöl in wesentlich größerem Umfange als bisher nach Europa geliefert oder von Europa produziert werden könnte. Wie wären sonst die in amerikanischen Fachkreisen zur Zeit geführten Diskussionen zu verstehen, denen zufolge in der US-ölwirtschaft Unmut darüber besteht, daß der Energiehunger Westdeutschlands seit Jahren nur durch US-Kohleexporte gestillt wird und darüber hinaus der westeuropäische Kohle-Importbedarf von jährlich rund 30 Mill. t praktisch ohne entsprechende Einsatzquote an der Ölwirtschaft vorübergegangen ist.

So ausgezeichnet und in vielerlei Hinsicht ergänzend auch die Ausführungen von Dipl.-Ing. Kober an dieser Stelle der ZEIT gewesen sind, so stellen sie doch, wenn wir dies sagen dürfen, nur die Betrachtung aus dem Blickwinkel jenes Ölkonzerns dar, der in den vergangenen Jahren das Heizölgeschäft in Deutschland aufgebaut hat und der bisher fast allein in diesem Geschäft in Deutschland tätig war. Erklärlicherweise sind sovohl Liefermöglichkeiten wie Lieferinteressen für jedes Unternehmen irgendwo begrenzt. Das gesamte energiewirtschaftliche und volkswirtschaftliche Interesse in Deutschland aber liegt breiter und verlangt die Beteiligung weiterer Produzenten an deutschen Markt.

Wir halten die Meinung, Heizöl sei nicht unbegrenzt lieferbar, nicht für richtig; denn man könnte, wenn man wollte. Die Marktentwicklung geht dahin, daß in steigendem Maße Mitteldestillate und Heizöl, also die schwereren Komponenten des Rohöls, verlangt werden, während zugleich der Anteil der leichteren Komponenten, wie z. B. Fahrbenzin, zurückgeht. Als in Deutschland und vielfach in Westeuropa nach dem Krieg die neuen Raffinerien gebaut wurden, hatte man an eine andere Entwicklung geglaubt (oder man hoffte, eine andere Entwicklung managen zu können). Die höhere Auswertung des Rohöls in leidtere Stoffe bringt einen günstigeren Preis im Markt und eine bessere Rentabilität. Heizöl gilt vielfach heute noch – genau wie Benzin vor fünfzig Jahren – als Abfallprodukt und hat einen Preis, der unter dem des Rohöls liegt.

Welches Unternehmen hätte also Interesse, den Heizölabsatz zu steigern und heute tatsächlich das anzubieten, was der Markt an Volumen verlangt. Wenn Heizöl nicht unbegrenzt lieferbar sein sollte, dann doch wohl wesentlich deshalb, weil es in der Verkaufspalette der Raffinerieprodukte nur begrenzt interessant ist. Es wäre aber z.B. durchaus möglich, die wesentlich schwereren Venezuela- und Mexiko-Rohöle zu verarbeiten. Diese Öle sind unbegrenzt lieferbar und geben eine beträchtlich höhere Ausbeute an schweren Destillaten. Wenn heute die Benzinfässer bei den Produzenten überlaufen, dann beweist auch dies die falsche Markteinschätzung und eine nicht ausgeglichene Differenzierung der Fabrikationseinheiten.

Wir bleiben also bei der Auffassung, daß nicht nur heute wesentlich mehr Heizöl verkauft werden könnte, wenn es angeboten würde; wir sind darüber hinaus der Auffassung, daß die Zuwachsrate des Energiebedarfs in Westeuropa und speziell in Deutschland im kommenden Jahrzehnt nicht von der Kohle, zum Teil nur vom Strom, in besonderem und stark steigendem Umfang aber vom Öl gestillt werden muß. Daß uns für diese im Grunde genommene großartige ölprognose einige Kreise der Ölwirtschaft „böse“ sind und uns in einem ihrer fachlichen Informationsdienste zurufen, bei der ZEIT hätte auf dem Redaktionstisch der Wecker noch nicht gerasselt, nur weil wir die Ölwirtschaft auffordern, mit mehr Initiative und Elan an die „Bratkartoffeln“ heranzugehen, hat uns herzlich erfreut. Daß zwar dieses Herangehen an die „Bratkartoffeln“, zumindest vorübergehend, eine Erhöhung der derzeitigen Heizölpreise bringen wird, darüber dürfte es keine Meinungsverschiedenheiten geben. Es bedarf eben neuer technischer und kaufmännischer Ideen und Leistungen, den richtigen Mittelweg zu finden und zu steuern. Jedenfalls sehen wir nicht das Energieproblem durch die Ölwirtschaft dadurch gelöst, daß man das Angebot in Heizöl künstlich drosselt und den industriellen wie privaten Verbraucher speziell in den kohlefernen Gebieten im unklaren darüber läßt, ob er nun mit einem normalen und ausreichenden Energiezufluß von dieser Seite rechnen kann oder nicht. Daß unsere offenen Worte in Nr. 32 der ZEIT ein so starkes und leidenschaftliches – ablehnendes wie zustimmendes – Echo gefunden haben, zeigt, wie stark diese Seite des Energieproblems die Verbraucherschaft interessiert. Wir hoffen, daß auch das bisher nur zu dürftigen Ergebnissen gekommene Gremium des gemeinsamen Kohle-Öl-Ausschusses der deutschen Wirtschaft bei seinen kommenden Beratungen den Weg zu praktischen Ergebnissen findet. W.-O. Reichel: