Von Fritz Berg

Zum Moskauer Verhandlungsprogramm gehören auch wirtschaftliche Fragen. Mancher Leser wird sich vielleicht fragen, warum unter diesen Umständen die Industrie nicht durch Sachverständige in der Delegation vertreten ist. Wir haben den Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Fritz Berg, Köln, gebeten, hierzu Stellung zu neimen.

Die deutsche Industrie ist sich mit dem ganzen deutschen Volk darin einig, daß die in Moskau behandelten Fragen von schicksalhafter politischer Bedeutung sind. Den entscheidenden politischen Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands und der Entlassung unserer Kriegsgefangenen müssen alle übrigen Fragen untergeordnet werden. Jeder Versuch, die Beratungen von diesen beiden Schwerpunkten zu verlagern oder durch die Behandlung anderer Probleme – wie zum Beispiel die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern – in den Hintergrund zu drängen, scheint uns in diesem Augenblick gefährlich. Wir wollten keinesfalls dazu beitragen, daß den Entscheidungen über das Los der deutschen Kriegsgefangenen und die Wiedervereinigung durch Gespräche und andere Themen – zum Beispiel wirtschaftliche – ausgewichen wird.

Die Beurteilung der realen wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich aus einer Wiederaufnahme normaler Handelsbeziehungen ergeben, wird dadurch wesentlich erschwert, daß sich ein einigermaßen zutreffendes Bild über die in den letzten Jahrzehnten eingetretenen Strukturveränderungen der russischen Wirtschaft nicht gewinnen läßt. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß die Sowjetunion ihren Charakter als Agrarstaat weitgehend verloren hat und daher kaum in der Lage sein dürfte, in dem Umfang der früheren Jahre landwirtschaftliche Produkte zu exportieren. Sicherlich wird dieser Ausfall der traditionellen russischen Agrarlieferungen infolge der stark forcierten russischen Industrialisierung teilweise durch Exporte auf dem gewerblichen Sektor ausgeglichen werden können.

Niemand vermag heute schon zu beurteilen, ob das Rußlandgeschäft für die deutsche Industrie noch einmal die Bedeutung der dreißigJahre zurückgewinnen wird. Der Aufstieg des deutschrussischen Handels fiel in eine Zeit, die durch eine krisenhafte Zuspitzung in der Weltwirtschaft gekennzeichnet war. Der Zusammenbruch der bis Ende der zwanziger Jahre bestehenden Ordnung des Weltmarktes zwang die großen Industriestaaten zur Erschließung neuer Absatzmärkte, um Beschäftigung und Produktion aufrechtzuerhalten. Damals waren die Voraussetzungen für eine Ausweitung des deutsch-russischen Handels besonders günstig. Hinzu kamen die außerordentlich glücklichen komplementären Handelsmöglichkeiten, die sich aus der damaligen Struktur der russischen Wirtschaft ergaben. Es ist noch nicht zu übersehen, welche Entwicklung der Handelsverkehr angesichts der totalen Strukturveränderung der russischen Volkswirtschaft nehmen wird. Dabei stehen wir vor der Frage, wie man die Grundlage für eine Intensivierung des deutsch-russischen Handels schaffen kann, ohne die deutsche handelspolitische Situation durch eine Verschlechterung der Beziehungen zu den anderen Ländern zu beeinträchtigen.

Ansätze zu einer Belebung des deutsch-russischen Handels sind zweifellos Vorhanden, wie die Entwicklung des deutsch-russischen Handels in den letzten beiden Jahren gezeigt hat. Es ist auch sicherlich richtig, daß in den bisher aus politischen Gründen mehr oder weniger verschlossenen Märkten des Ostens auf längere Sicht eine echte Außenhandelsreserve liegt, deren Erschließung wesentlich dazu beitragen könnte, der weiteren Entwicklung der Weltwirtschaft neue Impulse zu geben.

Es ist aber heute nicht damit getan, an Hand statistischer Zahlen früherer Jahre auf die traditionelle deutsch-russische Handelspartnerschaft hinzuweisen und damit die Hoffnung auf eine baldige Wiederbelebung des beiderseitigen Güteraustausches in dem Umfang der Jahre nach 1929 zu verbinden. Vielmehr scheint mir eine nüchterne und realistische Betrachtungsweise der Osthandelschancen geboten. Dabei sollte man auch nicht übersehen, daß die Sowjetunion mit Rücksicht auf ihre staatsgelenkte Planwirtschaft in erster Linie an längerfristigen Handelsvereinbarungen interessiert ist, die die deutsche Handelspolitik auf lange Sicht binden würden.

Die deutsche Industrie verkennt nicht, daß bei der Gestaltung der handelspolitischen Beziehungen zum Ostraum nicht allein wirtschaftspolitische Überlegungen ausschlaggebend sein können. Ich glaube deshalb, daß der Kanzler weise gehandelt hat, als er sich bei der Zusammensetzung der Delegation von dem Vorrang der Politik leiten ließ. Dies waren im wesentlichen auch die Gründe, die veranlaßt haben, von einer Beteiligung der Industrie an der Delegation abzusehen. In diesem Stadium der Entwicklung muß das Primat der nationalen und staatspolitischen Belange anerkannt werden.