Der Hauptvorstand des Deutschen Beamtenbundes forderte auf seiner Arbeitssitzung in Wiesbaden eine zwanzigprozentige Erhöhung der Beamtengehälter und billigte den Abbruch der Beratungen über den Referentenentwurf zum Bundesbesoldungsgesetz. (Dem Beamtenbund gehören nach Mitteilung des ersten Vorsitzenden, Angelo Kramel, MdB, 530 000 von 860 000 Beamten im Bundesgebiet an.)

Der Bundesfinanzminister hatte den Vertretern des Beamtenbundes, des Richterbundes und der Gewerkschaften bei jenen Beratungen erklärt, er halte eine allgemeine Erhöhung der Grundgehälter nicht für erforderlich. Sollte Schäffer – so erklärte jetzt Kramel – auf seinem Standpunkt verharren, so werde man sich unmittelbar an das Kabinett oder an den Bundestag wenden.

Gefordert wird eine Erhöhung um weitere 20 Prozent der Sätze von 1927. Die Beamten wünschen anstatt 148 Prozent der Grundgehälter von 1927 nun 160 Prozent – das sind übrigens rund 200 Prozent der Sätze von 1938. Dennoch – so argumentiert der Beamtenbund – reiche auch die geforderte Erhöhung noch nicht aus, um mit der Einkommenssteigerung in der gewerblichen Wirtschaft Schritt zu halten. Man verlangt also, ähnlich wie es der Bauernverband tat, die „Einkommensparität“.

Zweifellos sitzt der Beamte am kürzeren Hebelarm. Die Folge davon ist eine Abwanderung der Arbeitskräfte aus dem einfachen und mittleren öffentlichen Dienst. So werden in einigen Jahren 2000 Lokomotivführer fehlen.

Der Beamtenbund hat jedoch einen sehr ungünstigen Zeitpunkt für seine Forderungen gewählt. In dem beginnenden Gespräch über die Erhöhung des Realeinkommens durch Preisstabilisierung klingt die Fanfare der Staatsdiener wie ein schriller Mißton, weil sie noch auf die Nominallohn-Tonart gestimmt ist. Das liegt nicht allein an den Beamten, sondern auch an dem veralteten System der Zuschläge auf die imaginäre Gehaltsskala von 1927, die völlig unbrauchbar geworden ist. Entspricht nicht in mancher Landeshauptstadt ein 1955er Ministerialdirektor einem 1927er Regierungsrat? Der Föderalismus und andere Zeitkrankheiten haben uns zumindest im höheren Dienst eine Stellen- und Titelinflation gebracht, die für den davon Begünstigten eine beträchtliche Gehaltszulage ohne volle Gegenleistung bedeutete. Nicht zuletzt darum ist jede Erhöhung der Beamtengehälter unpopulär und in einzelnen besonders sichtbaren Fällen auch ungerechtfertigt! Dd.