Zu den Maßnahmen, die Bundeswirtschaftsminister Prof. Erhard plant, um „das Preisniveau zu beruhigen“, gehört auch der Plan für „Jedermann-Einfuhren“. Die Hausfrau, die sich über einen Preis ärgert, soll sich in Zukunft, vorausgesetzt, daß alle beteiligten Ministerien zustimmen, die gewünschte Ware aus dem Land schicken lassen können, wo sie produziert wird. Bedingung ist, daß der Postnachnahmeverkehr mit diesem Lande besteht. Das ist z. Zt. der Fall mit dem Saargebiet, mit den Beneluxländern, mit Dänemark, Frankreich, England, Italien, Norwegen, Österreich, Schweden und der Schweiz. Die Pakete dürfen einen Wert von höchstens 50 DM (einschließlich Postgebühren) haben und müssen normal verzollt werden. Aber die Formalitäten der Einfuhrerklärungen fallen weg.

Wird die Bevölkerung von dieser Möglichkeit einen so starken Gebrauch machen, daß eine Wirkung auf die Preise eintritt? Dazu wäre eine sehr große Zahl von Jedermann-Paketen notwendig. Denn der deutsche Import geht monatlich in die Milliarden, so daß einige Hunderttausend Mark an Jedermann-Einfuhren das deutsche Preisniveau schwerlich beeinflussen könnten. Aber psychologische Wirkungen sind denkbar. Damit scheint Prof. Erhard in erster Linie zu rechnen. Es werde sich zeigen, so schrieb er neulich in der ZEIT, ob die Preise für Jedermann-Einfuhren den deutschen Preisen ausländischer Erzeugnisse entsprechen. Sind sie hier und dort billiger – und so was spricht sich schnell herum –, dann werden die Hausfrauen bei den Einzelhändlern auf die Preise drücken. Sind sie gleich hoch oder teurer, dann wird die Kritik verstummen, und es wird Beruhigung eintreten. Eine psychologische Wirkung auf den Handel könnte auch bereits von der Ankündigung der Aktion ausgehen und ihn veranlassen, manche Artikel knapper zu kalkulieren.

Eine unmittelbare Wirkung auf jene Preise, die im Ausland höher liegen als „draußen“, würde wohl nur eintreten können, wenn sich im Ausland Versandfirmen etablieren, die das Geschäft im Großen organisieren – etwa so, wie die Liebesgabenfirmen, die nach dem Kriege den (damals zollfreien) Geschenkpaketverkehr nach Deutschland betrieben. An derartige Organisationen ist aber jetzt nicht gedacht. Vor allem sollen für die Jedermann-Einfuhren keine Zollfreilager in Deutschland errichtet werden können. Ausländische Firmen dieser Art würden überdies vor der Schwierigkeit stehen, daß sie ihre Preislisten (mit hohen Kosten) in Deutschland bekanntmachen müssen, ohne zunächst Anhaltspunkte für einen Erfolg zu haben. Bei den Geschenkpaketen lag seinerzeit der Akzent auf dem Kaffee, der in Deutschland neben der Reichsmark die Rolle einer zweiten Wahrung spielte. Er hätte wegen der hohen Inlandspreise auch heute noch große Umsatzchancen. Indes produziert keines der in Frage kommenden Länder Kaffee, und der Ursprung der Jedermann-Waren muß ja in dem Lande liegen, aus dem sie bezogen werden ... Infolgedessen kann die chancenreichste Ware, der Kaffee, nicht das Gerippe einer solchen Versandorganisation bilden.

Der Jedermann-Verkehr wird sich unter solchen Umständen zunächst wohl aus persönlichen Beziehungen entwickeln und somit überall (ausgenommen vielleicht einige Grenzstädte) in einem verhältnismäßig kleinen Rahmen bleiben. Man wird, wenn man zum Beispiel den Preis für holländischen Käse oder für einen französischen Likör bei uns im Laden zu hoch findet, einem Bekannten in dem betreffenden Land schreiben, der dann die Firma ausfindig macht, die den gewünschten Gegenstand per Nachnahme schickt. Dabei wird sich dann die Belastung durch das zum Teil recht hohe Postporto zeigen, denn die Gebühren für ein 50-DM-Paket betragen je nach Ursprungsland und Gewicht 2 bis 16 DM. Und manchmal wird wohl auch der Inhalt des Pakets enttäuschend sein, zum Beispiel, wenn das Nylonhemd zu klein ist oder die Farbe des Stoffes nicht die gewünschte Nuance hat. Am besten ließen sich vielleicht Waren wie holländische Butter oder dänische Eier beziehen, wenn man im Rheinland oder in Hamburg wohnt, vorausgesetzt eben, daß Minister Lübke „mitspielt“ und sich nicht grundsätzlich dagegen sperrt, daß durch „Jedermann

Einfuhren die Preisstützung zugunsten der heimischen Landwirtschaft „durchlöchert“ wird.

Wenn solche Importe einen größeren Umfang annehmen sollten, dann entsteht ein weiteres Problem: nämlich das der Zollabfertigung. In Bundesfinanzministerium erklärt man mit Bestimmtheit, man werde aus diesem Anlaß keinen einzigen Zollbeamten neu einstellen. Das heißt, daß die Abfertigung der Pakete – wenn man annehmen darf, daß die Zöllner schon jetzt überall voll beschäftigt sind – mit wachsenden Paketzahlen immer länger dauern würde, bis schließlich alle leichtverderblichen Lebensmittel schon aus diesem Grund aus dem Jedermann-Verkehr wieder ausscheiden müßten ... Es fragt sich allerdings, ob sich damit die Bevölkerung so ohne weiteres abfinden würde. Daß Minister Schäffer gerade jetzt, angesichts der Jedermann-Diskussion, bei der es doch um die Erleichterung der Einfuhr im persönlichen Bereich geht, die Zollfreiheit für die kleinen Kaffeemeigen aufgehoben hat, die die Reisenden bisher mitbringen durften, wird ihm gewiß sehr verübelt.

Die Wirkung des Jedermann-Planes auf die Preise bleibt problematisch. Aber einen Eifolg wird er auf jeden Fall haben: er wird wieder etwas von dem Berg von Hindernissen und Formularen abtragen, der uns seit Jahrzehnten – seit der Wirtschaftskrise der Jahre 1930/31 nämlich – bedrückt. Zur Marktwirtschaft gehört auch die Möglichkeit, sich aus dem Ausland ein Paket schicken zu lassen – ob man nun viel oder wenig Gebrauch von dieser Möglichkeit macht. W. F.