Southport, im September

Nur wenige der 900 Delegierten, die letzte Woche den Gewerkschaftskongreß in Southport, einem Seebad in Nordengland, besuchten, fuhren frohen Mutes nach Hause.

Im vorigen Jahr hatte es eine leidenschaftliche Auseinandersetzung über die deutsche Wiederaufrüstung gegeben, die die Teilnehmer von ihren eigenen Sorgen ablenkte. Außerdem schien es damals noch, als würde ein weiterer Schuß Nationalisierung über die Schwierigkeiten in der Industrie hinweghelfen. Dieses Jahr dagegen ließ man die Nationalisierung diskret unter den Tisch fallen. Auch die Außenpolitik trat in den Hinterrund, der Kongreß schien sich nicht allzuviel Sorgen darüber zu machen und er stimmte mit noch größerer Mehrheit als 1954 für die deutsche Wiederaufrüstung und erlaubte sich sogar den Luxus, die Einstellung der Atomversuche zu empfehlen.

Die wichtigsten Fragen, die den Kongreß beschäftigten, waren die innenpolitischen, die das ganze Volk angehen: Streiks und Löhne. In der ersten Hälfte des laufenden Jahres gingen bereits mehr Arbeitstage durch Streik verloren, als in irgendeinem vollen Jahr seit 1949, und was man hierzulande die „Lohn-Lohn-Spirale“ nennt, gerät anscheinend in immer raschere Bewegung.

Es war eine paradoxe Zeit, zu der der Kongreß zusammentrat. Während er tagte, teilte der Arbeitsminister mit, die Arbeitslosenzahl sei niedriger als je zuvor – 0,9 Prozent. Zugleich aber waren die meisten Gewerkschaftsführer in Southport sich vollkommen darüber klar, daß England auf besten Wege ist, in den bösartigsten wirtschaftlichen Wirbelsturm der letzten zehn Jahre zu geraten. Ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit ist zum erstenmal seit dem Kriege möglich und sogar wahrscheinlich. Sie wußten auch, daß einige Volkswirtschaftler und viele Konservative überzeugt sind, die Gewerkschaften trügen die Schuld an fast allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten in England.

In der Frage der Löhne und Streiks setzte sich das Programm der zentralen Gewerkschaftsleitung, die aus 35 Mitgliedern besteht, ohne Zweifel durch. Der Kongreß stellte sich mit größerer Mehrheit, als man erwartet hatte, gegen eine frischfröhliche Jagd nach höheren Löhnen, und er gab dem Zentralausschuß gewisse Vollmachten, bei Arbeitskonflikten einzugreifen, um Streiks zu verhindern. Die Redner auf dem Gewerkschaftskongreß zeigten sich so gemäßigt und verantwortungsbewußt, wie die englische Öffentlichkeit dies bereits gewohnt ist. Allein die Tatsache, daß der Kongreß sich für eine gewisse Zurückhaltung bei Lohnforderungen aussprach, zeigt, wie weit die Entwicklung bei der Gewerkschaftsbewegung in den letzten Jahren vorangeschritten ist. Dennoch bleibt die Tatsache, daß sechs Millionen Arbeiter zur Zeit Lohnerhöhung fordern, und man sieht noch nicht ganz, welchen Einfluß die Entschließung des Kongresses hierauf haben wird. Auch ist es keineswegs klar, ob die neuen Vollmachten den Zentralausschuß instand setzen werden, die Streiks wirksamer abzuwenden als früher, denn die Gewerkschaften, die gegen diese Vollmachten stimmten, waren genau die, die wahrscheinlich als erste streiken werden.

Diese Überlegungen illustrieren die Schwierigkeiten der Gewerkschaftsleitung unter einer konservativen Regierung. Einerseits verurteilen die Gewerkschaftsführer, in ihrer überwiegenden Mehrzahl Männer mit bewunderungswürdigem Gemeinsinn, die wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung und die fortschreitende Inflation; andererseits scheuen sie sich, hieraus ein Recht auf ungehemmte Lohnforderungen abzuleiten. Alle wohlgemeinten Hinweise des Zentralausschusses auf die dringende Notwendigkeit, das Problem der Löhne in engem Zusammenhang mit dem der Produktionssteigerung zu sehen, hindert aber das gewerkschaftliche Fußvolk nicht, gewisse Schlüsse zu ziehen, welche den Gewerkschaftsführern unbequem sind. Der einfache Arbeiter spürt den Druck der steigenden Preise und er hört von deb hohen Dividenden der Aktionäre. Es fällt ihm schwer, einzusehen, warum gerade er mit seinem Los zufrieden sein soll. Ein paar private Unterhaltungen in Southport genügten, um festzustellen, daß die Masse der Gewerkschaftler ihren Führern nicht immer traut, und daß sie den Freundschaftsbeteuerungen der Unternehmer und der Regierung sehr oft mißtraut.