Am Konferenztisch eiskalt, beim Bankett eng umschlungen

Von Gräfin Marion Dönhoff

Moskau, im September

Dieser Staatsbesuch wird als eines der eigenartigsten diplomatischen Ereignisse in die Geschichte eingehen: Der deutsche Bundeskanzler begab sich mit zwei Sonderflugzeugen und einem Sonderzug, also mit großem Aufgebot, jedoch ohne festes Programm, in die Metropole der östlichen Welt, zu der keinerlei Beziehungen bestehen.

So fingen sie an: Zur Begrüßung der deutschen Delegation flatterte die Fahne der Bundesrepublik neben Hammer und Sichel. Die Ehrenkompanie trug zum ersten Male seit 1917 bunte Galauniformen. Großartige Burschen marschierten da auf. Jede Nation könnte stolz auf sie sein. Den flachen Horizont des Flugplatzes säumte ein Rand von Wäldern, hinter denen man die Weite dieses unermeßlichen Landes ahnte, und darüber wölbte sich ein östlicher Himmel, an dem ein paar spätsommerliche Wolken standen. Der Wind trieb die Klänge der beiden Nationalhymnen weit über das Land.

Zum letztenmal haben Sowjets und Deutsche diese Hymnen auf diesem Plaz gehört, als vor sechzehn Jahren der Außenminister Nazideutschlands in einer Condor-Maschine hier landete. Dazwischen liegen Jahre der Zerstörung, liegt der Weg vom totalen Zusammenbruch eines Volkes, das ausgezogen war, die Fleischtöpfe Europas zu erobern, in die Verdammnis stürzte und nun, vom Wunsch nach Frieden beseelt, dem großen Widersacher einen ersten-offiziellen Besuch abstattet. Es war ein Galaempfang, den die Gastgeber ihm bereiteten: große Bankette mit hochgestimmten Trinksprüchen, weitausladender Gastfreundschaft und ungezwungener Heiterkeit, mit burlesken Späßen und allgemeiner Verbrüderung.

Am nächsten Tage wurden die beiden Grundsatzerklärungen verlesen – die Bonner Erklärung ist ein staatsmännisches Meisterwerk von ungewöhnlicher menschlicher Wärme und Eindringlichkeit. Tags darauf folgte die erste sachliche Unterhaltung, und sofort ward die tiefe Kluft deutlich, die zwischen diesen beiden Welten liegt.