Der Erfolg der Werke von Ina Seidel, ein Erfolg, der nicht nur in die Tiefe geht, sondern durchaus auch in die Breite, gehört zu den ebenso erfreulichen wie letztlich unerklärlichen Erscheinungen unserer literarischen Gegenwart. Es gibt keine rechten Parallelen dieser Wirkung; weder hat die Autorin sich der Darstellung irgendwelcher in der politischen Luft liegenden Probleme gewidmet (wie etwa seinerzeit Hans Grimm in „Volk ohne Raum“), noch jemals einen Reißer geschrieben, auch keinen von Niveau (Beispiel: Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“). Dennoch liegen ihre Bücher in vielen hunderttausend Exemplaren vor, und ihre Leserschaft scheint nicht ab-, sondern zuzunehmen. Bucherfolge sind nie vorauszuberechnen und somit auch nicht zu erklären. Nehmen wir ruhig an, daß Ina Seidel dieses Echo findet, nicht obgleich, sondern weil ihr Werk dichterisch ist.

Die Frau, deren Onkel (gleichzeitig ihr Schwiegervater, Heinrich Seidel, der Verfasser des „Leberecht Hühnchen“), deren Gatte und Vetter Heinrich Wolfgang und deren Bruder Willy Schriftsteller waren, in Haupt- oder Nebenberuf, und deren Sohn Georg in begreiflicher Pseudonymität die Tradition fortsetzt – Ina Seidel glaubte sich ursprünglich bestimmt, das weiblich erfüllte und einfache Leben einer Pfarrfrau und Mutter zu führen, ungeachtet des verhältnismäßig frühen Erfolges, den sie vor allem als Lyrikerin erfuhr. Aber ein schweres Leiden hat sie gleichsam verurteilt, nach innen zu leben, immer mehr ins Geistige, ins Künstlerische hinein.

Sieht man von den Romanen der Jugend ab, so ist „Das Labyrinth“ der erste große Wurf: der Lebensroman des Forschers, Gelehrten und schließlich revolutionären Politikers George Forster, der, von einem egoistischen Vater ausgenutzt, gleichwohl schon als Knabe berühmt war und als knapp Vierzigjähriger in Paris jämmerlich zugrunde ging. Das Werk, ein überaus reizvoller, partienweise von großem Humor übersonnten Roman, ersetzt ein halbes Dutzend Lehrbücher durch die Gründlichkeit, mit der er alle Kenntnis der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts von der Südsee bis nach Moskau, von Wilna über Göttingen und Mainz bis nach Paris in sich verarbeitet hat und dem Leser zurückgibt. Hier ist bereits das aus äußerster Sorgfalt und großem Wurf geplante, in allen Farben schimmernde Gewebe des historischen Gobelins vollendet, der acht Jahre später den Hintergrund ihres bis heute größten Erfolgsromanes gebildet hat, das „Wunschkind“. Das schön dem Umfang nach gewaltige Buch – es umfaßt über 1000 Seiten – zeichnet vor den stürmischen Ereignissen der Jahre 1792 bis 1813 die Geschichte einer Frau aus norddeutsch-protestantischem Adel, die in ein süddeutsch-katholisches Geschlecht heiratet und, selbst katholisch geworden, ihr Leben dem eines nachgeborenen Sohnes und seiner Milchschwester widmet, einer Nichte dreiviertel französischer Abkunft, deren gegensätzliche Art sich dem geliebten Sohn in schmerzlich-süßer Unentrinnbarkeit verstrickt bis zum frühen Kriegstod des jungen Christoph. In diesem „Wunschkind“ ist das gestaltet, was in ihren großen Büchern immer wieder als Grundproblem erscheint, als roter Faden des Werkes von Ina Seidel.

Es ist dies ein doppelter Vorwurf. Einmal – im „Labyrinth“ bereits angedeutet in der qualvoll unlösbaren Vater-Sohn-Beziehung der beiden Forsters – einmal das Problem der Sippe, der aus vielen oft unbekannten Wurzeln zusammengeschlossene Stammbaum mit seinen Verästelungen, mit Blüte, Frucht und Absterben. Zum anderen aber ist es das Christentum. Man hat Ina Seidel nicht zu Unrecht als deutsch-protestantische Gegenspielerin der französischen literarischen Erneuerer des katholischen Christentums, der Bloy, Bernanos u. a. m. bezeichnet. Vielleicht, daß ihre phrasen- und tendenzlose, rein aus dem Gegenständlichen wirksame Schilderung christlicher Gewissenskonflikte so gut wie eines a priori christlichen und eben darum solcher Konflikte überhaupt fähigen Lebens jene geheime Quelle ihrer weiten Wirkung ist. Am deutlichsten hat dies der Erfolg von „Lennacker“ gezeigt, der als „Roman einer Heimkehr“ (von 1918) nicht weniger umschließt als die Chronik des deutsch-evangelischen Pfarrhauses von der Reformation bis zum ersten Weltkrieg, an dessen Ende sich der letzte Lennacker vom Berufserbe der Väter-Reihe endgültig abkehrte. Im vorigen Jahr ist ihm „Das unverwesliche Erbe“ gefolgt, das nach den Vätern nun die Mütter der Lennackers und mit ihnen die Tragik der Konfessionsspaltung und der Konversionen darzustellen unternommen hat. Diese Mütter, nebenbei gesagt, entstammen jenem elbischen Wesen, das eine Zentralgestalt des „Wunschkindes“ war und von dessen Tochter niemals ganz feststand, ob sie das Kind des jungen Vetters oder des Schauspielers gewesen ist, um dessentwillen Delphine Christoph von Echter verließ. ... Genug, die Ringe schließen sich auf anderer Ebene, in anderer Zeit. Denn die Dichterin trennt sich nach eigenem Geständnis nur ungern von ihren Figuren.

Ina Seidel wird heute, am 15. September 1955, siebzig Jahre. Sie ist von einer ungewöhnlichen Jugendkraft des Geistes wie der Feder; auch rein äußerlich ist das Alter diesem ebenso geistgeprägten wie zeitlosen Gesicht nicht anzumerken. Aus ihrem Haupt mögen noch manche Gestalten entspringen; bekannte, die sich vollenden, unbekannte, die erst erwachen wollen.

Martha. Maria Gehrke