Was hätten die Leser 1947 zu folgender Zeitungsnotiz gesagt: „Auf Gleis drei verließ der Zug nach Munich, unserem München, den Bahnsteig“? Sie hätten sich wohl gesagt, diese Entgleisung sei nur so zu erklären, daß der betreffende Journalist direkt aus einem angelsächsischen job in eine von der Entnazifizierung besonders schwer betroffene Redaktion gelangt sein müsse.

Was aber sagt der heutige Leser zu folgender Meldung aus Moskau: „Auf Gleis drei verließ der D-Zug nach Kaliningrad, unserem Königsberg, den Bahnsteig“? Vielleicht lief im selben Augenblick auf Gleis eins gerade der Sonderzug aus Bonn ein und der eilige Berichterstatter telephonierte den sowjetischen Namen in der Erwartung einer Korrektur am anderen Ende des Drahtes. Die Redaktion konnte sich aber wohl nicht zum Verzicht auf dieses Stückchen Moskauer „Lokalkolorit“ entschließen und hängte den deutschen Namen (damit ihr niemand mangelnden Patriotismus vorwerfen könne) hinten dran.

Einfacher scheint es uns, zukünftig in derartigen Fällen erst den richtigen Namen zu schreiben und hinterher, wenn Zeit und Platz es erlauben, den Leser (in Klammern) daran zu erinnern, daß auch die Ostokkupanten für die Dauer ihrer Anwesenheit gewisse deutsche Städte umbenannt haben. Aber solange keine deutschen Touristen nach Breslau, Stettin und Königsberg fahren und wir daher keine Sorge zu haben brauchen, daß sie sich verirren, weil sie die Straßenschilder mit Aufschriften wie Wrozlav, Szczecin oder Kaliningrad nicht lesen können, haben die sowjetpolrischen und sowjetrussischen Ortsnamen vom deutschen Standpunkt höchstens Kuriositätsinteresse. GU