In Aachen hielt der „Kulturkreis im Bundesverband der deutschen Industrie“ seine diesjährige Tagung ab. Unter dem Vorsitz des Generaldirektors Dr. Hermann Reusch hat dieser Kreis in großzügiger Weise das verwaist gewesene Erbe früheren Mäzenatentums angetreten und macht Ernst mit der Einlösung der moralischen Verpflichtung, die uns allen gegenüber den schöpferische! Kräften der zeitgenössischen Kunst auferlegt ist. Zahlen beweisen, daß der „Kulturkreis“ mit wirklichen Taten aufwartet. Er hat im vergangenen Jahr rund 134 000 DM für Stiftungen, 60 000 für Stipendien, 39 000 für Publikationen, 32 000 für die Museumsspende, 13 000 für Unterstützungen, 21 000 für Ausstellungen und weitere Summen für andere Zwecke im Sinne seiner selbstgewählten Aufgaben aufgebracht und ausgegeben. Die Leistungen im laufenden Jahr werden nicht geringer sein. Von dem Geiste, der die Arbeit des „Kulturkreises“ beseelt, legt eine Rede Zeugnis ab, die der Vorstandsvorsitzende der Hamburger Phoenix-Werke, Otto A. Friedrich, auf der Aachener Tagung über den „Freiheitsbegriff in der modernen Wirtschaft und Kultur“ hielt. Wir geben daraus unseren Lesern einige der wichtigsten Abschnitte als gedanklichen Extrakt zur Kenntnis.

Die Freiheit hat viele Erscheinungsformen. Ich muß mir deshalb Bescheidung auferlegen und möchte mich im wesentlichen mit der persönlichen Freiheit, dem Urgründe aller davon abgeleiteten Freiheiten, befassen. Hier wiederum darf ich mir erlauben, die Verhältnisse in Deutschland in den Mittelpunkt zu stellen, denn ihre Entwicklung nach Jahren der Unfreiheit ist nicht nur für uns, sondern auch für die übrige Welt von Bedeutung. Es liegt nahe, daß ich mich dabei von Eindrücken im wirtschaftlichen Bereich nach 1945 leiten lasse, weil sie mein persönlicher Erfahrungsbereich sind. Bevor ich aber zu dieser Frage komme, möchte ich einiges zum geschichtlichen Wachstum des Freiheitsbegriffes in Deutschland sagen, weil ohne einen solchen Rückblick das Erlebnis des Zusammenbruches schwer zu verstehen ist.

Eine bewußte Vorstellung von der Freiheit der Personen, wie wir sie heute verstehen, setzte in der deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation ein. Nicht als ob recht! ich begründete Freiheit nicht schon vorher existiert hätte. Bereits in der germanischen Volksgemeinde war die Freiheit ein Lebenselement. Jeder Vollfreie genoß mit gleichen Rechten an Grund und Boden des Stammes gleiche Freiheiten. Vielleicht war es gerade das angeborene Freiheitsgefühl, das das Germanentum eine eigentümliche innige Verbindung mit dem Christentum eingehen ließ; denn letzteres war seinem Wesen nach Freiheit in der Glaubensbindung an Gott und offenbarte sich so in den urchristlichen Gemeinden. Auch in der späteren deutschen Geschichte zeugt das Wahlverfahren der deutschen Könige und Kaiser, an die Aachen und der Blick auf die hier ausgestellten Insignien ihrer Herrschaft in besonderer Weise erinnern, von einer ständigen Gegenwart des Freiheitsbegriffes. Nicht minder läßt sich dies von der Verfassung deutscher Städte im Mittelalter sagen. Ja, es läge für mich nahe, daß ich mich gerade an diesem Ort mit der Entwicklung des Freiheitsbegriffes in jenen Zeiten befaßte; aber dies würde uns keine Antwort geben auf die Frage, wie es zu dem modernen Freiheitsbegriff in Deutschland gekommen ist. Denn im Grunde war im Mittelalter alle Freiheit in ihrem innersten Wesen an Gottes Mittlerin auf Erden, an die Kirche, gebunden.

Als hingegen Luther 1517 seine 95 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg schlug, stellte er den einzelnen Christenmenschen wieder ganz auf seine unmittelbare Verantwortung vor Gott, wie sie Paulus in seinen Briefen an die urchristlichen Gemeinden gefordert hatte.

Luthers Lehre: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand Untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ hatte eine sprengende Kraft durch Jahrhunderte hindurch. Sie ist aber auch immer wieder mißverstanden worden und von der Macht der Gleichgültigkeit und des Bösen im Menschen mißbraucht worden. Luther

ging davon aus, daß das Leben und die Werke der Menschen vor Gott nichts sind und daß der Mensch an sich selber verzweifeln müsse. Nur durch die Gnade des Glaubens an Christus und sein Wort kann der Christenmensch frei werden, ist dann aber auch von allen Geboten und Gesetzen entbunden. Er ist niemandem mehr untertan. Das „Wort“, griechisch der „Logos“, hat hier für den Christen die tiefe und allumfassende Bedeutung einer Offenbarung, wie sie der Evangelist Johannes zu Beginn seines Evangeliums ausspricht: ‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ Der Christenmensch hat damit den Willen Gottes so in seinen eigenen damit aufgenommen, daß er seine seinen und Begehrlichkeiten dämpfen und anderen Menschen dienen muß. Deshalb ist er jedermann Untertan. Ein rechtschaffener Mann schafft rechtschaffene Werke, niemals schaffen rechtschaffene Werke einen rechtschaffenen Mann, wie Bäume nicht auf den Früchten wachsen, sondern Früchte auf den Bäumen.

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