o. c., Bremen

Die Bremer Bürgerschaft beschloß im Januar dieses Jahres, über sechs Millionen Quadratmeter in der Mittelsbürener Feldmark westlich von Bremen zu enteignen, um der Klöckner-Werke AG., Duisburg, das gewünschte Gelände für ein modernes Stahl- und Walzwerk unmittelbar an der Weser zur Verfügung zu stellen. 81 Grundbesitzer – überwiegend Bauern, deren strohgedeckte Häuser zum Teil seit Jahrhunderten von einer Familie bewohnt sind – wurden von diesem Beschluß betroffen. Das Land ist nachweislich schon in der Römerzeit besiedelt gewesen. Die Stadtväter meinten, der historische Marsch-Boden sei kein hohes Opfer für die unaufhaltbare Industrialisierung.

Aber die Bauern, Kleinsiedler und Parzellenbesitzer waren nicht einverstanden. Ihnen dünkte der vom Staat angebotene Entschädigungspreis von 1,50 DM pro Quadratmeter zu gering. Sie reichten beim Verwaltungsgericht eine Anfechtungsklage gegen den Enteignungsbeschluß ein, die den Senat in arge Bedrängnis brachte. Drohte die Klage doch, den Baubeginn noch in diesem Jahr zu vereiteln. Außerdem sollte die Stadt Bremen den strikten Beweis erbringen, daß die Voraussetzungen des allgemeinen Wohles wirksam erfüllt würden. Die Thesen, die Enteignung sei notwendig, um die Wirtschaftskraft Bremens zu festigen, seine Geltung als Seehafen zu erhöhen, das Industriepotential zu vermehren und die Arbeitsmarktlage zu verbessern, bezeichneten die Kläger lediglich als ein Programm; ganz abgesehen davon, daß eine Enteignung nicht zugunsten eines Dritten vorgenommen werden dürfe.

Wären diese Fragen juristisch geklärt worden, hätte das Hüttenwerk seine Jahresproduktion von 500 000 Tonnen Walzstahl nicht wie geplant um die Jahreswende 1956/57 aufnehmen können Die Stadtgemeinde Bremen erhöhte daher ihr Entschädigungsangebot auf drei DM pro Quadratmeter landwirtschaftlich genutzten Bodens, und die Enteigneten zogen Anfang April ihre Klage zurück. In einem Vergleichsvertrag wurde dafür festgelegt, daß ein „großes Schiedsgericht“ einen Preis zwischen zwei und vier D-Mark festsetzen solle für diejenigen, die sich mit drei D-Mark nicht einverstanden erklärten. Nach Ablauf der 14tägigen Frist waren dies 61 der 82 Betroffenen. Aber der Startschuß zu Abwanderung und Baubeginn war damit gegeben. Die Gutwilligen wurden möglichst umgehend abgefunden und haben sich zum Teil schon andere Höfe in Nord- und Mitteldeutschland erstanden. Die anderen erhielten eine Anzahlung von 1,50 DM pro Quadratmeter. Trotz des Risikos, insgesamt einen geringeren Preis zu erzielen, beharrten sie in bäuerlicher Zähigkeit auf dem Spruch des Schiedsgerichts, das unter Vorsitz von Dr. Wöhrmann dem Präsidenten des für Landwirtschaftssachen zuständigen 7. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Celle, schließlich zusammentrat. In diesen Tagen fällte es seine Entscheidung.

Die Hartnäckigkeit der Bauern wurde belohnt. Sie erhalten 3,40 DM pro Quadratmeter, denn – so lautete die Begründung – die günstige Lage des Bodens an seeschifftiefem Wasser, seine guten Anschlußmöglichkeiten an Autobahn und Eisenbahn sowie die für die Gewinnung von Arbeitskräften ausschlaggebende Lage in Stadtnähe müßten berücksichtigt werden. Wertmindernd seien lediglich die hohen Aufbereitungskosten des Geländes. (Die Klöckner-Hütte AG. Bremen muß auf jedem Quadratmeter noch etwa drei Kubikmeter Erde aufschütten und hat am 1. Juli damit bereits begonnen.) Die Grundstücksbesitzer, die sich mit dem Vergleichspreis zufrieden gaben, haben nun das bittere Gefühl, daß ihre Einsicht und ihre Rücksichtnahme auf das Allgemeinwohl vom Staat schlecht belohnt worden seien. Insgesamt kostet das Klöckner-Gelände der Stadt Bremen 29,4 Millionen D-Mark.