Die Grundtypen menschlichen Benehmens im Laufe der Weltgeschichte – I. Schlechte Manieren sind zeitlos

Von Harold Nicolson

Der bedeutende englische Autor Harold Nicolson – unseren Lesern längst vertraut – hat soeben ein Buch über Sitten und Gebräuche beendet. In den folgenden Betrachtungen teilt er einige Gedankengänge mit, die sich im Zusammenhang mit dieser Studie ergaben. Er weist darauf hin, daß sein neues Buch weder ein Werk über Sozialgeschichte noch ein Handbuch der Etikette ist. Es wird „Gutes Benehmen“ heißen („Good Behaviour“) und ist, wie er meint, „ein Versuch, die aufeinanderfolgenden Formen der Höflichkeit, die von ganz verschiedenen Kulturen entwickelt wurden, zu untersuchen und zu vergleichen“.

Viele Leser werden vermutlich meine Ansicht teilen, daß eine vollentwickelte Gesellschaft beim Eintritt in eine Periode äußerer Sicherheit und eines verhältnismäßig stabilen politischen und wirtschaftlichen Gleichgewichts einen Typ der Höflichkeit herausbildet, der ganz ihr eigener ist. Ich meine hiermit, daß ein Typ, ein Modell, ein Beispiel der Höflichkeit entsteht, das nicht nur als bewunderungswürdig an sich gilt, sondern als Ausdruck der besten kulturellen Werte und der höchsten ethischen Ideale, deren die Gesellschaft als Ganzes fähig ist. Obwohl sich diese aufeinanderfolgenden Typen der Höflichkeit voneinander durch die Bedeutung unterscheiden, haben sie doch zwei Faktoren gemeinsam. Erstens wird das Muster des menschlichen Verhaltens immer wieder von einer gebildeten Minderheit bestimmt, die genügend Intelligenz und Muße hat, um über Benehmen und Anstand nachzudenken und ein Muster zu entwerfen, das ihrer spezifischen Tradition entspricht. Zweitens wird dieses Muster einer Kultur fast immer von anderen Schichten der Gesellschaft nachgeahmt und wird daher schließlich für eine Gesellschaft oder eine Kultur als Ganzes charakteristisch. Die Minderheiten, die diese Muster schaffen, brauchen nur ein sehr kleiner Teil der Gesellschaft zu sein. So zählten zum Beispiel die freigeborenen Bürger Athens, die im fünften Jahrhundert vor Christi Geburt den Typ des Kaloskagathos, des „guten und schönen Menschen“ schufen, nur 21 000, während zur gleichen Zeit 100 000 Sklaven und 10 000 ansässige Fremde Athen bewohnten. Außerdem darf man wohl annehmen, daß von den 21 000 freien Bürgern nur eine kleine Minderheit wirklich an Fragen des Anstandes, an Kunst und Philosophie oder an den recht anspruchsvollen Argumentationen des Sokrates interessiert war. Aber diese kleine Minderheit entwickelte und definierte in einem Zeitraum von achtzig Jahren einen Typ der Höflichkeit, den die Nachwelt auch heute noch als schön und gut bewundern muß.

Es ist nicht stets so, daß der Prozeß der Nachahmung von den oberen Klassen durch die Mittelklasse und dann im Laufe von Generationen bis zu den unteren Schichten fortschreitet. In Deutschland legte zum Beispiel der akademische Mittelstand das Muster für die Aristokratie fest. Und in England war es 1830 der durch die industrielle Revolution geschaffene Mittelstand, der den Ton der Wohlanständigkeit bestimmte, der dann 1860 von der Klasse der Landbesitzer übernommen wurde. (Ich bin mir übrigens darüber im klaren, daß es altmodisch ist und verabscheuungswürdig erscheinen mag, wenn ich die Bezeichnungen „Obere Klassen“ und „Mittelstand“ benutze, anstatt vielleicht von Einkommenstufen zu sprechen. Aber die Bezeichnungen sind handlich und werden ohne snobistische Absichten gebraucht.)

Es ist weiterhin interessant zu beobachten, daß – während sich die guten Manieren, da sie im wesentlichen die Klugheit des Herzens widerspiegeln, ständig in einem Stadium der Umwandlung befinden sollten – sich die schlechten Manieren mehr oder weniger gleichbleiben. Höflichkeit, bienséance gute Umgangsformen – oder wie man es immer nennen mag, sollten sich den veränderten Bedingungen jeder Generation anpassen. Unhöflichkeit und schlechte Formen scheinen dagegen verhältnismäßig stabile Bedingungen zu haben. So war der Mann von Welt des fünften Jahrhunderts v. Chr. – und das mußte wohl so sein – in seinem Benehmen völlig verschieden von dem Mann von Welt des Jahres 1955. Aber die Schmarotzer mit schlechtem Benehmen, der Langweilige und der Snob, sind unveränderlich und ewig. Und die von Teophrast oder Horaz beschriebenen Langweiligen lassen sich nicht unterscheiden von denen, die wir heute im täglichen Umgang auszustehen haben.

Typen der Höflichkeit