Ohne die Aspirationen Frankreichs gibe es keine Saarfrage. Aber immer wieder strecken die Franzosen ihre Hand nach uns aus. Heute mißbrauchen sie den Europa-Gedanken (den sie im übrigen mit der EVG zynisch begruben), um uns durch das Zusammenwirken französischer Annexionisten und saarländischen Separatisten von Deutschland loszureißen. Bringen wir aber den Separatismus zu Fall, so verliert Frankreich den Ansatzpunk, und der Hebel stößt ins Leere.“

Dr. Hubert Ney, der dies im Hauptquartier der CDU in Saarbrücken erklärte, ist gewohnt, sich präzis auszudrücken. Er ist unverkennbar Jurist, Anwalt in Saarlouis. Er hat das gefurchte, ein wenig unsymmetrische Gesicht, das man oft bei Richtern findet, mit klugen Augen hinter der randlosen Brille, die sich Wärme bewahrten, obwohl sie die Motive der Menschen durchschauen. Ney ist heute Leiter der Christlich-Demokratischen Union Saar. Er wurde im Juli einstimmig gewählt, und er wäre Fraktionschef schon seit 1952, hätte nicht das Regime jeden Versuch der Partei, sich zu konstituieren, mit Gewalt, unterdrückt. Johannes Hoff mann wußte, was er tat. Er fühlt sich diesem Manne, neben dem er provinziell wirkt, nicht gewachsen, und er weiß heute: Ney ist der kommende Ministerpräsident. Mit einem Schlag wurde die CDU, kaum gegründet, zur größten Partei des Landes. In wenigen Wochen warb sie mehr freiwillige Mitglieder, als es die separatistische „Christliche Volkspartei“ mit dem ganzen Druck des Staatsapparats in acht Jahren vermochte.

Ney, ein Namensvetter des napoleonischen Marschalls, gehört einer alteingesessenen Familie in Saarlouis an, der Stadt „mit dem französischen Namen und dem deutschen Herzen“. Er war Student, als der Weltkrieg ausbrach – er ist 1892 geboren –, er nahm als Freiwilliger teil; 1918 büßte er in Finnland den rechten Arm ein. In Berlin wurde er Assessor, dann kehrte er als Anwalt in seine Heimat zurück, die damals unter der Verwaltung des Völkerbundes stand. Er trat dem Zentrum bei und stand bald in der vordersten Reihe derer, die zum Deutschen Reich zurückstrebten. 1933 verteidigte er Hermann Röchling in einem Prozeß gegen die Regierungskommission. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches war er Mitgründer der saarländischen CVP, trennte sich aber, als sich Hoffmanns separatistischer Kurs offenbarte, und seitdem war er bemüht, die CDU als deutschgesinnte christliche Partei an der Saar ins Leben zu rufen.

Ney ist ein gemäßigter Mann. Seine Reden, die bei aller Leidenschaftlichkeit sachlich und höflich sind, unterscheiden sich wohltuend von den Tiraden Hoffmanns und Hectors, und er hat alles getan, um den Wahlkampf in ruhigen Bahnen zu halten. Er war sogar bereit, sich, sollte Hoffmann das gleiche tun, zurückzuziehen, um dem verhaßten Ministerpräsidenten, an dem die Empörung über das Regime sich stets von neuem entzündet, ehe Brücke für den Abgang zu bauen. Aber vom ersten Augenblick waren er und die Delegierten der Partei sich einig: Wir sagen nein zum Statut. Und sie wissen warum,

Das rechtlose Regime an der Saar beruht auf eineim einseitigen Gewaltakt Frankreichs, geschaffen durch französisches Militär und erhalten durch saarländische Polizei unter dem Befehl von Franzosen. Die französische Regierung kann von sich aus keinen Rechtzustand schaffen; sie hat in der Atlantic Charter ausdrücklich auf jede Annexion, auch eine wirtschaftliche, ohne Zustimmung der Bevölkerung, verzichtet. Die übrigen Alliierten sind in gleicher Weise gebunden. Vierzehnmal hat Frankreich um ihre Anerkennung der Saarabtrennung nachgesucht, und vierzehnmal wurde sie verweigert. Nur eins könnte an der Saar Recht schaffen: die Zustimmung Deutschlands und das Votum der Saarländer; und aus diesem Grund hat Mendès-France auf einer Volksabstimmung bestanden. Das wissen die Saarländer. Sie fürchten: – Sollten sie das Statut bejahen, so würde Frankreich sie niemals wieder freigeben.

Das Statut soll zwar nur provisorisch gelten, bis zu einem künftigen Frieden. Aber Mendès-France hat als Ministerpräsident in aller Schärfe erklärt, es müsse ohne Änderung in den Friedensvertrag übernommen werden, und das, so fügte Außenminister Pinay hinzu, könne Frankreich jederzeit erzwingen, denn kein Friede könne gegen seinen Einspruch geschlossen werden. Damit hätte es das Druckmittel in der Hand, seinen Willen ebenso durchzusetzen wie jetzt bei den Pariser Verträgen. Die Saarländer würden zwar auch gefragt, aber erst, wenn der Friedensvertrag fertig ist. Daß sie dann das ganze mühsam erarbeitete Werk vielleicht durch ihren Widerspruch zunichte machen sollten, das wäre in der Tat eine Überforderung, die die Franzosen klug geplant haben. All das bedeutet aber, daß das Saarabkommen, einmal von den Saarländern angenommen, praktisch kaum mehr zu erschüttern wäre, und das haben sie klar erkannt. Darum wollen sie mit nein stimmen.

Adenauers Bochumer Rede, seine Aufforderung, das Statut anzunehmen, war ein Schock für die Saar, und er hat Ney besonders empfindlich getroffen. Die Bevölkerung begreift vielleicht, daß die Rede, kurz vor der Moskau-Reise, außenpolitische Gründe hatte, dennoch bleibt sie eine Ermutigung der separatistischen Parteien, ein Rückschlag für die deutschen. Neys Zeitung hat den Kanzler höflich zurückgewiesen: hier ginge er zu weit, die anderen deutschen Saarparteien taten es schärfer. Alle aber blieben unbeirrt bei ihrer Entscheidung für das Nein, dessen Notwendigkeit sie, die sie die französische Politik am eigenen Leibe erfuhren, am besten zu übersehen glauben.